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Introvert’s Diary: Und, wie fühlt man sich mit 25?

Twentysomething Portrait

Heute ist mein Geburtstag und eigentlich hasse ich die Frage „Und, wie fühlt man sich mit x?“. Ich meine, Small Talk ist nicht mein Ding und rechnet irgendwer mit der Antwort, die ich vorgestern Abend in ein dreiseitiges Dokument geschrieben habe? Meistens ist die Frage nicht ernst gemeint. Heute nehme ich mir heraus, sie mir selbst zu stellen. Und weil ich so ein bisschen mit mir selbst rede, erscheint der Text auch im Introvert’s Diary…

Mitte zwanzig – wow. Ich fühle mich noch unfertig. Obwohl ich persönlich und beruflich deutlich weiter bin als vor ein paar Jahren, bin ich noch lange nicht angekommen. Es gibt eigentlich immer etwas, das ich noch schaffen will, eine Hürde, die ich noch nehmen muss, bevor mein Leben vollständiger, und damit auch entspannter wird. Vor knapp einem Monat war es endlich die Ausbildung, die ich beendet habe, und seit ein paar Tagen habe ich meinen ersten „richtigen“ Job. Ich hoffe, dass damit nun etwas Ruhe einkehrt und ich mir in den kommenden Monaten ein bisschen weniger Druck mache. Mir stattdessen Zeit nehme, in meiner neuen Situation bei mir selbst anzukommen. Was ich definitiv gelernt habe, ist, dass Übergänge zwar schnell gehen, aber lange dauern, und dass das Leben selten langweilig wird, im positiven wie im negativen Sinne. Irgendeine Baustelle gibt es immer und das ist auch gut so – ich kann gar nicht ohne ein nächstes Ziel, ein Projekt oder einen größeren Traum. Nur manchmal wird dieses Verlangen so stark, dass ich das Gefühl habe, noch gar nichts geschafft zu haben. Ich vergleiche dann Dinge, die man gar nicht vergleichen kann oder muss: Wohnung, Hochzeit, eigenes Business. Alles Dinge, die mit meiner aktuellen Situation wenig bis gar nichts zu tun haben. Ich denke dann: Wie kann es sein, dass andere mit 25 ihren Shit schon so zusammen haben? Und dann denke ich wieder: Haben die vielleicht gar nicht, zumindest nicht in allen Bereichen. Oder sie hatten bisher einfach weniger verschiedene Ziele und konnten sich besser auf einzelne Punkte konzentrieren. Wer viel und schnell will, ist wohl nie fertig…

Gleichzeitig kommt mit diesem Findungsprozess auch eine Selbstsicherheit, die ich so nicht von mir kannte. Ich habe keine Angst mehr, im Beruf selbstsicher aufzutreten, weil ich spüre, dass es mein Beruf ist. Dass ich mich lange darauf vorbereitet habe, das wirklich und ohne Studentenstatus zu machen und jeden Tag noch mehr von Kollegen, Projekten und Kunden zu lernen. Und dieses Gefühl greift auch im ganz Privaten. Zwar bin ich noch immer ein schüchterner Introvert, der neue Leute anstrengend findet und regelmäßig seinen Sozialkoller bekommt, aber ich gehe ganz anders mit Menschen um als früher. Ich bin direkter und ehrlicher. Ich habe keine Angst, zu sagen, was ich denke und was ich will. Und vor allem: I don’t take bullshit. Wenn ich mich verarscht, belogen oder kleingemacht fühle, diskutiere ich das aus oder handle entsprechend, um die „Beziehung“, die in dem Moment ohnehin keine mehr für mich ist, zu beenden. Vor ein paar Tagen habe ich jemanden wiedergesehen, online, auf einem dieser Kanäle, wo man einem neuen Profilbild kaum ausweichen kann. Es ließ mich wie immer kopfschüttelnd zurück. Ich frage mich jedes Mal, wie ich mich so behandeln lassen konnte. Wie ich mir selbst so das Herz brechen konnte. Anfang zwanzig war ich ein unsicheres Mädchen. Ich habe nächtelang auf völlig banale Nachrichten gewartet, die in einen Schmetterlingsbauch ausarteten, über den ich heute nur noch lachen kann, so absurd finde ich ihn; monatelange Hoffnung auf etwas, von dem mindestens zwei Personen wussten, dass es nie eintreten wird. Und eine davon diese Ungleichheit entweder genoss oder wirklich zu blind war, sie zu sehen. Wieso tut man sich sowas an? Ja, die Frage ist rhetorisch. Aber derartigen Hirngespinsten würde ich heute ins Gesicht lachen. Kleine Fehltritte passieren höchstens im Sommer mit 23, wenn der Weißwein zu gut schmeckt und der jugendliche Leichtsinn kurz nochmal zurückkommt. Und dann sind sie vorbei, hoffentlich zum letzten Mal.

Erst dann jemand richtig Guten zu treffen, wenn man so gefestigt ist, ist übrigens das beste, was passieren kann. Aber gleichzeitig ist es auch eine Herausforderung. Neue Beziehung heißt neue Spielregeln. Damit meine ich nicht Verbote und Gebote, sondern einfach das, was zwei Menschen verbindet und was sie unterscheidet. Die Schwierigkeiten, die man hat, wenn man es gewohnt ist, allein zu sein – und dann plötzlich nicht mehr. Es geht hier nicht um „Generation Beziehungsunfähig“, ich kann dieses blöde Buzzword nicht mehr hören. Auch nicht um Polygamie oder Bindungsängste. Aber man passt sich nicht mehr blind an. Ich bin unabhängig. Mein Alltag und seine Gewohnheiten lassen sich nicht reibungslos verschmelzen. Es geht ganz platt darum, jemand Neuem ziemlich viel Zeit (Introvert Alert!) und ein paar Rechte einzuräumen. Für mich war es zum Beispiel schwierig, ihm das Recht zu lassen, mich vom Flughafen abzuholen und meinen lächerlich winzigen Koffer für mich zu tragen. Tausend kleine Nettigkeiten zu akzeptieren, die „nicht nötig wären“. „Ich kann das selbst“ Klar. Daran zweifelt auch keiner. Aber davon musste ich mich erst einmal überzeugen.

Ungehemmt. Das heißt einfach, ich bin mir nicht mehr peinlich. Mein roter Kopf ist mir nur manchmal unangenehm; wenn ich auf der Straße stolpere sorge ich mich höchstens um meine Hose und als ich mich vor zwei Wochen im Fitnessstudio anmeldete, stellte ich mit Überraschung fest, dass die geballte Nacktheit in der Umkleidekabine, auch meine eigene, mir einfach egal war. Körperlichkeiten sind eben einfach nur das. Und wenn man sich im Real Life umsieht statt in den Medien, sehen Körper auch ganz schön anders aus. Eine Erkenntnis, die man theoretisch mit spätestens 20 hat, aber so richtig unter die Haut ging sie bei mir wohl erst in den letzten Jahren. Nackt sein geht, sich maulen geht – nur nackt auf die Schnauze fallen, das ist ein Problem. Wie ich herausfand, als ich vor vier Tagen plötzlich auf dem Fliesenboden des Sauna-Vorraums lag und mangels Sehhilfe nicht einmal erkennen konnte, wem ich da jetzt gerade Schritt voraus ins Sichtfeld gefallen war. Oh Gott, da war ich dann doch ernsthaft beschämt.

So, wie wenn mein Freund zum hundertsten Mal die Rechnung im Restaurant bezahlt oder anbietet, mir eine Jeans zu kaufen, weil meine alle fleckig, unförmig oder ausgebleicht sind und es diesen Monat bei mir wieder nicht drin ist. Dann frage ich mich, was ich mit 25 eigentlich geschafft habe und wie es sein kann, dass man mit einem Universitätsabschluss finanziell so rumkrabbelt. Das letzte Jahr war hart, weil die teure Ausbildung nicht nur an meine finanziellen Reserven ging, sondern in Verlängerung an meine Psyche. Ich glaube, so ehrlich darf ich sein. Arbeit zu leisten und nicht dafür bezahlt zu werden (bzw. das Geld direkt wieder in die Ausbildung zu investieren), ist ein Faktor, den ich auf der emotionalen Ebene unterschätzt habe. Natürlich macht Geld allein nicht glücklich, in die Ausbildung zu investieren ist wichtig und Wertschätzung kommt im Idealfall nicht erst Ende des Monats von einer schnöden Zahl im Onlinebanking. Aber auch ein „Geiler Scheiß!“ vom Chef ändert nichts daran, dass man in der Mittagspause traurig auf einem Käsebrot rumkaut, während die Kollegen zum dritten Mal in der Woche essen gehen. Ich möchte nicht von mir glauben, dass Geld mir wichtig ist. Aber es gibt ein Limit, unter dem es sich nicht mehr angenehm leben lässt, nicht einmal, wenn man minimalistisch unterwegs ist, und dieses Limit wurde im letzten Jahr fast dauerhaft unterschritten. Ab jetzt wird es besser. Aber auch nicht rapide, denn ich bin nun (endlich!) finanziell unabhängig von meiner Familie und das Geld, das ich mehr zur Verfügung habe als bisher, geht erst einmal für einige Sachen drauf, die ich das ganze Jahr geschoben habe. Versicherungen, Reparaturen, das Fitnessstudio. Und mal ein paar Restaurantrechnungen auf meiner Seite.

Ich bin hin und her gerissen. Wenn ich Gilmore Girls Staffel 1 schaue, verstehe ich Lorelai manchmal besser als Rory. Ich schaue jeden Tag mit ungehemmter Begeisterung den Vlog von Anna Frost und ihrer kleinen kreativen Familie, als völlig ernst gemeinte Inspiration. „25 ist halb 15, halb 35“ stellt meine beste Freundin dazu treffend fest. Weil: Mal so, mal so. In der Theorie Muttigefühle, in der Praxis bei jedem Laktosebauch völlig irrationale Schwangerschaftspanik. Doch nicht jetzt, ich habe Pläne! Und da schließt sich der Kreis: Ich bin noch nicht fertig…

***

Ich weiß übrigens nicht, wie man sich fühlt. Aber so fühle ich mich. Und ihr?

Titel: Johannes Fucke

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12 Comments

  • Reply
    Jenni
    11.11.16 at 16:09

    Liebe Sabine!

    Zuerst einmal: Allerherzlichsten Glückwunsch! Zum Geburtstag und dafür, dass du mich dazu bewegt hast, dass ich mich jetzt gleich ernsthaft ins Fitness-Studio bequeme! Heureka, solche Motivation brauche ich! 😀

    Abgesehen davon: Ein wunderschöner Rückblick, von dem mir das „Halb-15-halb-35“-Zitat am besten gefällt. Ich glaube, treffender kann man dieses Zwischengefühl nicht auf den Punkt bringen (wobei ich von der „magischen“ Zahl noch so ziemlich genau ein Jahr wegbin 😉 ).
    Ich wünsche dir auf jeden Fall viele weitere tolle Erkentnisse, viele weitere tolle Erlebnisse und dass dieser tolle restaurantrechnungsbezahlende-ohne-etwas-dafür-zu-verlangende Mensch lange (ewig?) an deiner Seite bleibt! Man liest (nicht nur in diesem Artikel) richtig heraus, wie gut dir das tut. 🙂

    Liebe fitnessmotivierte Grüße
    Jenni

    • Reply
      Sabine
      13.11.16 at 20:42

      Liebe Jenni,
      es ist manchmal ganz schön gruselig, wie tief einem Leser in die Seele gucken können – aber das ist wohl Berufs-, äh Hobbyrisiko 😉 Und freut mich auch!
      Danke xx

  • Reply
    Kati
    11.11.16 at 16:36

    Liebe Sabine,

    erstmal: alles Gute! 🙂
    Ein sehr schöner Rück- und auch Ausblick, den du da beschreibst. Anfang 20 ist alles ein bisschen schwierig, 5 Jahre später hat man sich dann schon eine gewissen Gelassenheit zugelegt, das empfinde ich ganz genauso. Schwierig auch deswegen, weil man in dem Alter meist die Weichen stellt für die eigene Zukunft – und neben Schema F, dass die Generation unserer Eltern oft noch gefahren hat, hat man inzwischen das ganze Alphabeth zur Verfügung. Klar ist das schön, aber (über-)fordert eben auch.
    Ich bin eineinhalb Jahre älter als du, und du hast deinen „Shit“ schon mehr zusammen als ich – Alter verliert, was das angeht, irgendwann auch an Bedeutung. Baustellen und Projekte eben, die kommen der durchdachten Planung immer dazwischen und dann muss man’s eben nehmen, wie es kommt. 15-35 bin ich immer noch und gespannt, ob sich das mit der wirklichen 35 dann tatsächlich ändert.
    Vielen Dank auch für den Linktipp zu Anna Frost – das war (vor Jahren, womit wir wieder beim Alter wären 😀 ) mein allererster Berührungspunkt mit Blogs und seitdem hat diese Faszination nicht nachgelassen.

    Auf die nächsten 25! 🙂

    Liebe Grüße,
    Kati

    • Reply
      Sabine
      13.11.16 at 20:42

      Liebe Kati,
      danke!
      Das mit dem Alphabet hast du schön gesagt!
      xx

  • Reply
    Missi
    11.11.16 at 18:18

    Du sprichst mir aus der Seele – und ich bin nochmal drei Jahre älter 😀 Irgendwie erreicht man ständig Zwischenziele und dann dann schon so viele Neue, dass es glaube ich noch eine Weile dauern wird, bis man wirklich irgendwo angekommen ist. Aber ich finde, das ist auch total okay so 🙂
    Alles Liebe zum Geburtstag! Ich hoffe, Du hattest einen wunderbaren Tag! <3

    Alles Liebe
    Missi

  • Reply
    Elin
    12.11.16 at 00:04

    Ich hab ständig Ziele, ich hab vor lauter Neugier und dem Wissen, dass ich immer irgendwie an mir arbeiten kann, keine Ruhe. Derzeit steht die Französisch-Auffrischung an, der Nebenjob ist projektbezogen im Frühling fertig, der erste Vollzeitjob hoffentlich nächstes Jahr dank beruflichen Erfolgs greifbarer als noch mit 26 (bin bald 29). Ich bin nur froh, dass privat endlich mal alles so ist wie erträumt, das erspart mir viele schlaflose Nächte. Allerdings ist man auch mit dem Alter nicht vor allen Versuchungen und Dummheiten gefeit. Bei manchen Mitmenschen um die dreißig kann ich manchmal nicht mitansehen, wie sie sich sehenden Auges ihr Leben kaputt machen, egal wie viel Lebenserfahrung sie haben. Privat habe ich viel gelernt, beruflich erst jetzt gelernt, wie es geht und so hat jeder seine Baustelle. Aber Alter schützt vor Torheit nicht 😀

    Ich wünsche dir ruhigere Zeiten, finanziell gepolstertere Zeiten und weiterhin viel Erfolg. Du hast dich echt gemacht, das war und ist mir stets ein Vorbild, auch wenn ich jünger bin und manche Dinge bei mir etwas länger gedauert haben :‘) Ich mag deinen Blog und wie du uns auf deine Reise mitnimmst 🙂 Mein Lieblingsblog! Alles Gute weiterhin <3

    LG
    Elin

    • Reply
      Sabine
      13.11.16 at 20:40

      Liebe Elin,
      du hast auf jeden Fall den Award für das krasseste Geburtstagskompliment gewonnen! DANKE und auch dir alles Gute!
      <3

  • Reply
    Mellie
    12.11.16 at 22:16

    Wirklich gute Worte die du da niedergeschrieben hast. Tatsächlich finde ich mich in einigen wieder. Denn ich frage mich auch immer wieder wie andere um mich herum es schaffen in meinem Alter schon zu Heiraten oder sogar schon Kinder zu haben. Wie und wann schaffen die das? Aber jeder hat anscheinend seinen eigenen Rythmus wie auch Du und ich.

    Natürlich auch von mir alles Gute zum Geburtstag, viel Erfolg in deinem Beruf und ganz viel Liebe

    Herzliche grüße
    Mellie/Aquabirdy

  • Reply
    Verena
    13.11.16 at 20:22

    Also, wenn du dich mit 25 unfertig fühlst… was soll ich dann erst sagen?! Ich beneide dich, dass du schon fertig bist! Als ich 25 Jahre alt war, hatte ich weder ein abgeschlossenes Studium noch eine abgeschlossene Ausbildung in der Tasche.
    Wie weiß man eigentlich, dass man sich seinem Alter entsprechend fühlt? Also, wie soll es sich mit 25 anfühlen, mit Anfang 30, mit 50 usw.? Wer sagt einem das?

    • Reply
      Sabine
      13.11.16 at 20:39

      Liebe Verena,
      danke! Ich glaube, ich weiß, worauf du mit deiner Frage hinaus willst. Selbst wenn man sich da quasi am Verhältnis zum gesamten Leben festmacht, ist das letztendlich Quatsch, weil man ja auch nie weiß, wie lange das dauern wird… Von daher: So lange man glücklich und zufrieden ist und noch Lust auf mehr hat, ist wohl alles paletti 🙂
      xx

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