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Introvert’s Diary: Warum ich mein Wissen verstecke

Ich habe da ein Problem. Es fängt mit etwas an, das eigentlich nicht schlecht ist: Dafür, dass ich noch nicht einmal 25 bin, habe ich schon recht viel erlebt, durfte länger lernen und studieren als der Durchschnitt, habe alle möglichen Praktika ausprobiert, bin neugierig, informiert über das Weltgeschehen und als introvertierter Mensch ohnehin ständig mit Nachdenken beschäftigt. Es gibt deshalb viele Sachen, die ich kann und weiß oder zu denen ich eine Meinung habe. Es macht mir Spaß, mich in neue Themen einzugraben, meinen Horizont zu erweitern, mich zu entwickeln. Würde ich vor anderen nicht ständig so tun, als hätte ich keine Ahnung. Und das mit voller Absicht. Warum stehe ich nicht zu meinem Wissen? Ist das „typisch introvertiert“, bin ich zusätzlich unsicher oder spinne ich einfach total?

Es klingt verrückt. Warum würde irgendjemand absichtlich sein Wissen oder Können verbergen? Alright – manchmal ist es nützlich. Ich habe schon in Jobs Kompetenzen unerwähnt gelassen, weil sie nicht zu meinem Aufgabenfeld gehörten und ich die Tätigkeit zwar ausführen konnte, sie aber schlichtweg hasste. Und nichts dazu gelernt hätte, hätte man mich in diesem Bereich (auch noch) eingespannt. Aber da hört es auch schon auf: Solche Stellen, meist waren es schlecht bezahlte Praktika, bilden das einzige Feld, in dem ich je davon profitiert habe, „Ich weiß nicht“ zu sagen.

Trotzdem mache ich das auch im Alltag, wenn man mich etwas fragt. Manchmal sage ich „Ich weiß nicht“, weil ich es mich anstrengt, mein Wissen ausführlich darzulegen, oder weil ich finde, dass ich zu wenig über das Thema weiß, um stichhaltig argumentieren zu können. Hinter einen eigentlich schlauen Satz hänge ich ein lasches „… oder so ähnlich“, sobald sich Augen auf mich richten und ich Anerkennung in den Gesichtern sehe. Hinter einen korrekt ausgesprochenen Namen klemme ich ein peinliches „…oder wie man das ausspricht.“ und lache dümmlich. Ich beginne Sätze mit „Ich glaube…“, obwohl ich es ganz genau weiß und vom Glauben selbst in der Kirche nicht viel halte.

Ich mache mich klein.

Der Grund: Ich will nicht als Klugscheißer dastehen. Zu oft habe ich gehört „Du weißt immer alles besser.“

Oder sogar: „Glaubst du eigentlich, du bist was Besseres?“

Nein, das glaube ich nicht. Ich kann aber verstehen, wieso es so wirkt.

Das Problem ist: Ein Introvert kommt aus sich heraus, wenn er etwas Tiefergehendes zum Gespräch beitragen kann, denn dann hat es für ihn eine Bedeutung und einen Wert, sich zu äußern. Der vorgelagerte Smalltalk zum zwanglosen „Kennenlernen“ fällt ihm schwer, weil er für den großen Energieaufwand zu wenig Sinn darin sieht. Mir geht es gut, aha, dir auch, wie schön. Sagen wir gerade überhaupt die Wahrheit oder werfen wir mit Floskeln? Und was machst du so? Aha, du arbeitest bei der Bank. Sorry, aber das langweilt mich, solange ich dich nicht besser kenne, weil ich auch nicht glaube, dass diese oberflächliche Information dich ausmacht. Den Klimawandel finde ich aber interessant, weil ich mich schon lange mit ihm und seinen Auswirkungen auf unsere Welt beschäftige. Deshalb wird der erste große Moment des Introverts in einer neuen Runde oft darin bestehen, dass er etwas weiß und plötzlich einen schlauen Diskussionsbeitrag liefert, vielleicht auch überraschend seine Meinung sagt.

Dass das schnell als Arroganz missverstanden wird, liegt auf der Hand. „Die meldet sich erst zu Wort, wenn sie was besser weiß.“ Damit tritt man anderen gefährlich schnell auf den Schlips, ohne es so zu meinen. Ich relativiere mein Wissen und das Gewicht meiner Aussagen, indem ich sie chronisch abschwäche. Etwas zu „glauben“, vielleicht schon mal „irgendwo gelesen“ zu haben, ist immer sympathischer, als direkt mit harten Fakten oder einem starken Argument vorzupreschen, wenn man sonst noch nicht viel gesagt hat. Mit solchem vermeintlichen Besserwissen habe ich in der Vergangenheit oft bei neuen Menschen verkackt – buchstäblich. Ich war schon viel zu oft der Klugscheißer. Vor jedem, der diese Rolle mit erhobenem Haupt erträgt, habe ich den größten Respekt. Mir jedenfalls ging es damit nicht gut. Und so bin ich lieber das unscheinbare Mädchen, als die Alte, die immer alles besser weiß.

Ich will mich beliebt machen, indem ich mich (zunächst) unwissend gebe.

Dass dieses Verhalten die kluge Frau in mir stark ankotzt, muss ich nicht sagen. Jedes Mal, nachdem ich einen solchen Satz abgelassen habe, faucht sie mir ins linke Ohr und fragt, warum ich sie so blockiere. Der Lebenslauf und das Konto klopfen derweil rechts an und fragen mich, ob ich nicht vielleicht ernst genommen werden möchte, wenn ich es doch offenbar verdiene. Sie sagen: „Danke, dass du dich wenigstens beherrschst, wenn es darauf ankommt!“ Denn in Präsentationen und Jobgesprächen bin ich vergleichsweise stark. Ich liefere ab, weil ich es ja kann – nur privat oder in Teamsituationen, in denen es nicht unmittelbar um etwas geht, stelle ich mich blöd. Ich verkaufe mich dort unter Wert, wo ich mich eigentlich gar nicht verkaufen müsste. Meine soziale Zurückgezogenheit versuche ich auszugleichen, indem ich mich harmlos und nicht streitbar mache. Nicht ausgrenzbar. Ich versuche, in der Masse zu verschwinden, auch, um nicht überfordert von der Aufmerksamkeit zu sein, die man automatisch bekommt, wenn man mit irgendetwas glänzt.

Denn genauso wenig, wie ich als Klugscheißer dastehen will, will ich hören „Du bist so schlau“. Es freut mich zwar, weil es ein großartiges, nicht oberflächliches Kompliment ist. Aber ich will nicht einmal dann im Mittelpunkt stehen, wenn es der Mittelpunkt der Bewunderung ist. Ich fühle mich, als wäre diese Bewunderung zu viel. Mein Wissen und meine Argumentationsfähigkeit sind zwar kein vom Himmel gefallenes Talent, sondern Kompetenzen, die ich mir hart erarbeitet habe und noch immer jeden Tag weiterentwickle, aber das auch, weil ich so bin, wie ich bin. Ich kann gar nicht anders: Es liegt in meiner Natur als Introvert, meine Umwelt zu beobachten, sie aufzusaugen und mich ausführlich mit ihr auseinanderzusetzen. Vielleicht ist das schlau. Sicher ist es unerwartet, wenn man mich nicht kennt. Und ich mich dann auch noch absichtlich klein mache.

„Ich bin das, was man mir nicht zutraut“

…sagte ich zu meinen JvM-Academy-Kommilitonen, als wir von einem Coach aufgefordert wurden, uns in einem einzigen Satz zu beschreiben.

Vielleicht sollte ich weniger auf Überraschung und mehr auf Überzeugung setzen.

***

Was meint ihr – muss ich mich mehr zum Smalltalk überwinden, um den Klugscheißer sympathischer anzumoderieren, oder kann man den Klugscheißer selbst sympathischer machen? Seid ihr schon mal angeeckt, weil ihr euch im „falschen Moment“ bemerkbar gemacht habt?

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7 Comments

  • Reply
    Candy
    26.07.16 at 09:18

    Hi Sabine,

    du glaubst gar nicht, wie gut ich das und dich verstehe.
    Wie du auch geschrieben hast, vermassele ich es ständig und gerade in Small-Talk-Situationen. Ich mag mich ungern über´s Wetter unterhalten, über das allgemeine Befinden, stelle mich ungern selbst dar und reagiere auf Oberflächlichkeit gelangweilt oder gar gereizt. Bei tief gehenden Gesprächen über die Ursachen und Folgen der gegenwärtigen Situation in der Türkei, über die Folgen von Facebook und WhatsApp auf unsere soziale Kompetenz und über das Umgehen mit Egoismus in Beziehungen bin ich aber vorne mit dabei. Aber auch nur, wenn sich weniger als 5 Personen an dem Gespräch beteiligen.
    Ich habe vor Kurzem mal in einem meiner Beiträge geschrieben, dass ich lieber ein Mal im Monat ein tolles, interessantes Gespräch, als jeden Tag Small Talk haben würde…

    Lieben Dank für deinen Beitrag.
    Lieben Dank für das Gefühl, dass es da draußen noch andere gibt, die das auch so sehen.

    Candy

  • Reply
    Simone
    26.07.16 at 10:13

    Liebe Sabine,
    ganz salopp gesagt – „Du kannst der süßeste, reifste Pfirsich der Welt sein. Es wird immer jemanden geben, der Pfirsiche nicht mag.“ – so verhält es sich auch mit den Menschen 🙂 Wenn du (in deinem Privatleben) an Smalltalk mit anderen nicht interessiert bist, liegt es vielleicht nicht an dir – sondern am Smalltalk mit EBEN DIESEN Leuten.

    Vielleicht hast du einfach noch nicht den richtigen Kreis für dich gefunden? Es gibt viele Menschen, die 0815-Smalltalk nicht leiden können. Ich für meinen Teil bin kein introvertierter Mensch – trotzdem kann ich damit nichts anfangen 😉 In meinem Freundes- und Bekanntenkreis wird aber auch nicht allzu viel „gesmalltalked“ (leider fehlt mir gerade das korrekte Wort hierfür :-D). Es ist halt den anderen auch nicht wichtig, da wird lieber über anderes gequasselt.

    Wenn etwas Ernsthafteres diskutiert wird, wird auch nicht mit „Klugscheißer“ um sich geworfen – wieso auch? Genau das macht ja Gespräche und Diskussionen aus, dass man eine Meinung hat und dazu steht, oder eben seinen Wissenstand einbringt. Aber wie du eben sagst: Wenn eine Gruppe auf andere Dinge wert legt, kann es gleich man passieren, dass man sich dadurch „unbeliebt“ macht. Die Frage ist doch eher: will ich mich bei Leuten beliebt machen, zu denen ich gar nicht „passe“? Oder festige ich lieber meine Persönlichkeit in einem Umfeld, in dem man Gemeinsamkeiten hat und den Fokus auf andere Werte legt.

    Ich hoffe das war jetzt nicht zu diffus, musste mich beeilen 🙂
    Alles Liebe, Simone

  • Reply
    Missi
    26.07.16 at 16:51

    Ohhh, wie gut kann ich mich in diesem Beitrag wiedererkennen 🙂 Ich bin zwar bei meinen Freunden recht extrovertiert und plappere drauflos, aber wenn ich im beruflichen oder universitären Umfeld bin/war, habe ich ganz ähnliche Phrasen benutzt wie Du. Häufig sage ich auch etwas und werde dann zum Ende des Satzes immer leiser, weil es mir unangenehm ist, dass ich so im Mittelpunkt stehe. Verrückt oder? Auch das „glaube ich“ füge ich ganz oft an. Furchtbar!
    Ich fühle also mit Dir <3

    Alles Liebe,
    Missi

  • Reply
    Jana
    28.07.16 at 17:50

    Ich kann dich total gut verstehen. Ich sage viel zu oft auch nicht das, was ich denke. Noch nicht mal, weil ich Angst habe, als Klugscheißer dazustehen, sondern vielmehr, weil ich Angst habe, dass ich mit meiner Meinung anecke und meine Gesprächspartner anders denken als ich. Selbst wenn ich weiß, dass ich Recht habe. Wenn es mir doch „zu doof wird“ platzen in unpassendsten Momenten Kommentare aus mir heraus. Im Endeffekt kommt das Gleiche dabei raus wie bei dir: Ich verkaufe mich weit unter meinem Wert und wenn ich dann endlich den Mund aufmache, habe ich irgendwie das Gefühl, dass es unpassend ist.

    Ich denke aber, Simone hat Recht. Allen kann man es sowieso nicht recht machen. Also lieber gar nicht mit dem Ziel, auf alle sympathisch zu wirken in ein Gespräch gehen, sondern mit dem Ziel, man selber zu sein. Wer das zu schätzen weiß: Super. Mit dem Rest kann man vermutlich auf Dauer sowieso nicht viel anfangen.

    Liebe Grüße
    Jana

  • Reply
    Dunja
    28.07.16 at 20:24

    Hey 🙂
    das Small-Talk-Problem kenn ich nur zu gut. Bei mir liegt es einfach daran, dass es mich nicht wirklich interessiert. Man fragt wie geht’s, was arbeitest du und so weiter, dabei will man es gar nicht wirklich wissen. Ich nicht und der Gegenüber auch nicht. Man kann aber schlecht ein Gespräch direkt mit der Frage „was ist das wichtigste in deinem Leben?“ oder mit „bist du zufrieden, mit dem wie dein Leben läuft?“ starten… Tja 😀 ne Lösung hab ich noch nicht. Wenn du weißt, wie du damit umgehst, geb unbedingt Bescheid!
    Liebe Grüße, Dunja

  • Reply
    Christine
    29.07.16 at 11:13

    Ich kenne das Problem nur zu gut. Ich bin auch eher introvertiert und schüchtern. Allerdings eben auch selbstständig. Mit der Zeit musste ich einfach lernen das etwas abzulegen. Für mich war das wohl die beste Schule. Das MUSS. Weil ich wirklich keine Ausrede hatte und die Dinge in die Hand nehmen musste. Aber manchmal, gerade in privaten Situationen, kommt dann das Schüchtere wieder voll raus. Gewisse Züge legt man wohl nie ganz ab.
    Aber man kann es teilweise schaffen und ich hoffe, dass dir das bei der Arbeit etc. besser gelingt. Es ist nämlich eigentlich schade, was dir da für ein Satz zu dir sofort in den Sinn gekommen ist. Wir Frauen (und gerade die schüchternen) neigen ja eh schon zu sehr dazu uns selbst klein zu machen… Das kenne ich auch nur zu gut!

  • Reply
    Monika
    01.10.16 at 19:50

    HAllo,

    lies mal Sheryl Sandberg „Lean In“. Und umgib dich mit Frauen, die sehr klug sind.

    P.S. „sehr klug“ heißt nicht nur „sehr intelligent“, es heißt auch „kann zuhören/den Mund halten wenn das die bessere Option ist für die Situation.

    Du bist schön, du bist klug, du lebst in einem Land wo du dich nicht verstecken musst. Achte auf das was du brauchst, vergiss die um dich herum.

    Viele Grüße von einer 47-jährigen,

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