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Bye Bye 2016: Mit Tinte gegen den Weltschmerz

Flug von Stuttgart nach Hamburg, 29.12.2016. | Das Brummen der Triebwerke beruhigt mich immer, aber heute besonders. Irgendwo ganz weit oben, zwischen zwei Orten, komme ich bei mir selbst an. Wir fliegen zurück nach Hause. Nach Hamburg. Das Jahr endet hier; ich glaube, das muss so. Man kann gegen Neujahrsvorsätze so viel sagen, wie man will. Aber das Ende des Jahres – nach Weihnachten – ist da, um sich zu besinnen. J. reicht mir vom Sitz hinter mir ein aufgeschlagenes Magazin, ein Artikel, in dem es ebenfalls ums Resümieren, Konzentrieren und Sammeln geht. Genauer gesagt ums Schreiben. Mit einem Füller. Ich lächle, weil ich weiß: Ich muss nur wieder anfangen, zu schreiben. Wenn ich schreibe, wird eigentlich immer alles gut.

Vielleicht hat es ein Jahr wie 2016 gebraucht, um sich klar darüber zu werden, was wichtig ist. Für die Welt war es ein grausames Jahr. Kriege werden geführt, Fehlentscheidungen getroffen, #Brexit ist erst die große Überraschung und dann der große Google Trend, Reality TV wird zur Weltmacht gewählt, Künstler die ganze Generationen inspirierten verlassen die Bühne als wäre es abgesprochen, in Aleppo tobt die Schlacht bis zum bitteren Ende, Zivilisten sterben in einer Mordzone, die wir alle so nie wieder zulassen wollten, und hier, bei „uns“, brüllt eine wütende Meute, die nicht wissen will, wie gut es ihr geht. Die Zusammenhänge sind trotz der vermeintlich unendlichen Informationsbreite des Internets nicht vollumfänglich zu begreifen, die Motive erst recht nicht. Vielleicht wird uns in solchen Zeiten bewusst, wie klein wir sind und wie wenig wir verstehen und ausrichten können, dass wir es aber wenigstens versuchen sollten, dass unsere Energie vielleicht ganz woanders gebraucht wird als bei den Kinkerlitzchen, die uns täglich aufregen.

Dennoch ist genau dieser Schritt die ewige Herausforderung – wie komme ich raus aus meinem kleinen Alltag und rein in etwas, das wichtiger, größer ist als ich? Und muss ich mich selbst vergessen, um an das große Ganze zu denken? Ich denke nicht. Ich denke, es geht hier um Bewusstsein. Und ganz besonders darum, noch viel öfter ein ernstes Gespräch mit sich selbst zu führen.

2017 nehme ich dafür wieder eine Feder in die Hand.

Tagebuch mit Füller schreiben

In meinem Leben ging es bisher immer um den nächsten Schritt. Größer, weiter, besser. Mehr. 2017 soll es weniger um mehr gehen und mehr um das, was schon da ist. Weniger weiterrennen, mehr innehalten. Ich bin ein impulsiver Mensch und treffe gerne mutige Entscheidungen. Umschwenken kann ich gut. Die Tapete abreißen, weil sie nicht zur neuen Vase passt, das Dokument einfach löschen, weil die letzten drei Absätze nicht rund werden wollten. Manchmal macht es Spaß, radikal zu sein. Manchmal ist es sogar gut.

Sich nie mehr beim Ex melden.
Von heute auf morgen eine ganze Industrie boykottieren.
Den vermeintlichen Traumjob kündigen, weil der Horizont einfach nicht stimmt.
Den Kontakt zu einem Freund abbrechen, an dessen Ecken und Kanten man sich nur noch stößt.

Aber auch nicht immer. Bevor ich schon wieder den nächsten Sprung wage, muss ich auch mal durchatmen. Zur Ruhe kommen. Mir selbst in die Augen schauen und meine eigenen Motive hinterfragen. Mich vom impulsiven Losrennen abhalten. Das habe ich 2017 vor. Ich werde mir selbst Fragen stellen – zur Welt, zu meinen Idealen, zu meiner Lebensweise und meinem Impact (Generation Y Buzzword) – und sie beantworten. Und nichts ist dabei ehrlicher als ein Füller auf Papier. Ich schreibe 2017 wieder Tagebuch.

Das Tagebuch hat sich verändert. Es ist nicht mehr nur das kleine schwarze Buch, das man im Bettkasten versteckt und das sich alleine um die eigene kleine Welt dreht. Wenn ich nachts um 00:35 im Dunkeln in meinem Bett liege und eine zehnminütige Sprachnachricht an meine beste Freundin sende, ist auch das mein Tagebuch. Eines, das sogar antwortet. Wenn ich einen Artikel von Edition F oder ZEIT als Lesezeichen speichere, ist auch das irgendwie ein Statement, das mit meinen Tagesgedanken zusammenhängt und diese vielleicht weiterführt. Man ist versucht, das alles in einem digitalen Dokument festzuhalten und sinnvoll zu verknüpfen. Ein ganz neues, digitales Tagebuch. Mit Passwortschutz, so dass niemand es versehentlich aus dem Bettkasten fischt. Ich war dabei, mir die konzeptionell perfekte Lösung zu überlegen. Aber dann musste ich vor mir selbst zugeben, dass ich mein Macbook anlüge.

Es sind nicht nur die sozialen Medien, in denen wir uns instinktiv immer ein bisschen verstellen, wenn wir etwas posten. Es ist auch die Mechanik des Schreibens, die mich witziger und klüger wirken lässt, als ich es vielleicht bin. Auf einer Tastatur gibt es eine Löschen-Taste und wer meint, dass Papier geduldig ist, hat noch nicht über potentiell endlose, digitale Textfelder nachgedacht. Wenn ich digital schreibe, schleife und poliere ich an meinen Worten, bis sie genau so klingen, wie ich sie will. Ich schleife die Ecken und Kanten ab, bis meine Statements so verträglich und rund sind, dass ich sie eigentlich auch direkt auf Facebook posten und mich öffentlich dafür beklatschen lassen könnte.

Tagebuch mit Hand schreiben

Auf einer analogen Tagebuchseite kann ich höchstens einen fetten schwarzen Fleck malen, wenn ich etwas bedecken möchte, das ich so eigentlich gar nicht sagen wollte. Echte Tagebücher sind nach Jahren schwer zu verbrennen und nach Tagen manchmal schon schwer zu ertragen. Für ein richtiges Tagebuch schämt man sich ein bisschen – selbst die Tagebücher berühmter Autoren werden erst posthum veröffentlicht; und wenn die es nicht ab können, wer dann? Ein echtes Tagebuch ist heilig, denn es zu schreiben, kostet Kraft.

Ich habe, grob verteilt über die letzten 15 Jahre, ungefähr zehn Tagebücher geschrieben. Die meisten habe ich über Monate oder sogar Jahre mehr oder weniger regelmäßig geführt, ein paar habe ich nach wenigen Wochen aufgegeben. Aber immer, wenn ich „gerade nicht schreiben konnte“, hieß das im Nachhinein betrachtet eigentlich nur, dass ich mich gerade selbst nicht ertragen konnte. „Schreibblockade“ übersetzt sich meistens in: I don’t want to face myself. Denn Schreiben ist ein Blick in den Spiegel und dahinter.

Die Feder aufs Papier zu setzen fühlt sich manchmal an, wie ein Tabu zu brechen. Es ist, als würde man etwas aussprechen, das auf einem digitalen Display weiter anonym und bedeutungslos geblieben wäre. Auf Papier schreiben tut weh. Es fühlt sich manchmal an wie Harry Potter versus Dolores Umbridge. Es ist, als würde man etwas gewaltsam aus seinem Innersten herauszerren, das sich von selbst nicht traut. Was ich schreibe, meine ich auch so. Und es ist mir verdammt wichtig. Egal, wie sehr es mich am nächsten Tag beschämt, und wie klein mein vergangenes Ich aus einer späteren Perspektive wirkt. Schreiben ist Wachstumsschmerz. Es ist das Protokoll einer Entwicklung und gleichzeitig die Entwicklung selbst. Es ist wie beim Yoga, wo man sich manchmal selbst näher kommt als geplant. Und manchmal stürzt mit diesem einen, ehrlichen Moment alles ein.

Mit impulsiver, emotionaler Ehrlichkeit kommen immer auch Zweifel. Meine ich das, was ich heute fühle, morgen auch noch so? Ist es wert, festgehalten zu werden oder bereue ich es schon morgen? Etwas Falsches aufzuschreiben ist, als würde man eine falsche Entscheidung treffen. Es macht einem verdammt große Angst. Was ich schreibe, trägt sich so viel weiter. Schreiben heißt Ballast abladen, aber auch, Bedeutung zu schaffen und Priorität zu geben. Real zu machen, was eben noch nur eine Idee oder ein Bauchgefühl war. Verantwortung für seine Gedanken zu übernehmen und diese Gedanken… zu leben.

Was, wenn ich eine harmlose Situation zum fatalen Drama mache?
Was, wenn ich negativen Gedanken die Bühne überlasse?
Was, wenn ich im Affekt jemanden abschreibe, der weiterhin eine Rolle verdient hätte?
Was, wenn Pro-Contra-Listen weder für mich privat noch für die Welt reichen, um Probleme zu lösen?
Was, wenn politische Zusammenhänge nicht so schwarz-weiß sind, wie ich sie gerne hätte?

Schreiben, also Fühlen und gleichzeitig von außen auf dieses Gefühl zu blicken anstatt einfach blind mitzurennen, erfordert Mut. Die Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Rest der Welt erfordert Mut. Und ist 2017 unbedingt nötig.

Frohes neues Jahr.

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14 Comments

  • Reply
    Amelie
    31.12.16 at 15:48

    „Schreiben ist Wachstumsschmerz“ – mein Lieblingssatz. Ich wünsche dir einen guten Rutsch!

  • Reply
    Lulu
    31.12.16 at 16:31

    So schön. Und so ehrlich und so nachvollziehbar.

    Komm gut rüber! :*

  • Reply
    Kati
    01.01.17 at 18:20

    „Ich schleife die Ecken und Kanten ab, bis meine Statements so verträglich und rund sind, dass ich sie eigentlich auch direkt auf Facebook posten und mich öffentlich dafür beklatschen lassen könnte. “

    — ein „Ja“, zu mehr Mut! Ein wunderbarer Post, wie eigentlich immer 🙂

  • Reply
    Carolin
    01.01.17 at 18:22

    So schön und toll geschrieben… wow!
    Ich wünsche dir ein frohes neues Jahr! <3

  • Reply
    Sophia
    01.01.17 at 18:55

    Deine Worte sind so schön, so ehrlich und authentisch, dass ich sie Seite an Seite mit Worten großer Schriftsteller in mein eigenes Tagebuch zitiere. Danke für diesen tollen Eintrag. Dir auch ein wunderschönes und glückliches Jahr 2017. Liebste Grüße, Sophia

    • Reply
      Sabine
      01.01.17 at 19:02

      Ich werde gerade ein bisschen rot und gleichzeitig ein bisschen blass! Wenn das möglich ist. Danke und auch dir ein glückliches neues Jahr <3

  • Reply
    Petra
    03.01.17 at 13:04

    Schöner Post! Mir hilft Tagebuch-Schreiben auch sehr. Irgendwie ist man dann viel reflektierter und die negativen Sachen sind nicht ganz so schlimm und man schätzt die positivn Erlebnisse auch mehr. 🙂

    Liebe Grüße!
    Petra von http://www.anothercopycat.com

  • Reply
    Anna
    04.01.17 at 00:02

    So ein wunderbares Post. Danke für deine Gedanken, von denen ich so viele nachvollziehen kann!
    Alles Liebe für 2017

    Anna I http://einundzwanzigzwei.de

  • Reply
    Carina
    07.01.17 at 18:30

    Einfach so wahr!

  • Reply
    Annabell
    12.01.17 at 22:08

    Kommt zwar ein bisschen spät, aber ich habe gerade deinen Text gelesen und ich bin so unfassbar begeistert! Zwischendurch habe ich versucht, mir die Zeilen als aus einem Poetry Slam vorzustellen und es hat sich richtig gut angehört. Fantastisch, was du mit Worten machen kannst.

  • Reply
    Lisa
    30.01.17 at 21:09

    Hallo Sabine, toller Text! Etwas off-topic… aber ich frage mich das schon die ganze Zeit: Wo hast du den Rock (oder das Kleid?) her, das du auf dem Bild zu dem Blogpost trägst? Ich finde ihn total schön und suche schon sehr lange noch so einem Rock. Eine Antwort wäre toll. 🙂

    Liebe Grüße!

    • Reply
      Sabine
      31.01.17 at 14:26

      Danke! Das ist ein ziemlich altes Kleid, damals von ASOS.
      xx

      • Reply
        Lisa
        31.01.17 at 19:18

        Ok. Danke für deine Antwort!

  • Reply
    Tagebuch schreiben oder Journaling - wie Dich Schreiben glücklicher macht - Modern slow
    03.04.17 at 04:46

    […] ehrlich, ungeschönt, und manchmal ein bisschen brutal (Sabine von A Hungry Mind hat sich hierzu unheimlich bewegende Gedanken gemacht). Aber gerade aus diesem Grund ist es eine wundervolle und starke Methode, mit der Du Dein […]

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