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Fashion Revolution Day: Wie du noch heute auf faire Mode umsteigen kannst

Fashion Revolution Day Fair Fashion Einstieg

Vier Jahre ist es her. Ein eingestürztes Gebäude in den Nachrichten, überall Trümmer, Arme, die irgendwo dazwischen herausragen und nach etwas greifen, das die dazugehörigen Augen nicht sehen können, Schreie, Tränen – und Leichensäcke. 1138 Tote, über 2000 Verletzte. Für das, was wir „Mode“ nennen. Einen Tag vorher wurde der Zutritt zur Fabrik verboten, weil die Risse bemerkt wurden. Mehr als 3000 Menschen wurden dennoch zur Arbeit gezwungen – mit vollster Verachtung für ihr Leben. Um 9 Uhr bricht das Gebäude zusammen. Rana Plaza, bei Dhaka, Bangladesch. 24. April 2013.

Dass man das noch „Unglück“ nennt, als wäre es ein unvorhersehbarer Zufall gewesen, ist pervers. Der 24. April 2013 steht stellvertretend für ein sehr viel mehr umfassendes Problem, das in den letzten vier Jahren nicht kleiner geworden ist. Die Zusammenhänge und Verantwortlichkeiten sind kompliziert; die Lösung ist diskutierbar. Das erste Signal, das von uns als Konsumenten ausgehen muss, um die bisher noch schleichende Veränderung anzutreiben, ist es nicht. Es ist ganz einfach. Drei Jahre lang war ich selbst mehr oder weniger blind dafür – oder wollte es sein. Dass ich vor ziemlich genau einem Jahr die Augen aufgemacht und die längst überfälligen Konsequenzen gezogen habe, ist eine Entscheidung, auf die ich stolz bin.

Seit einem Jahr boykottiere ich Fast Fashion, also alle Kleidung, die zu undurchsichtigen, sozial unfairen oder sogar lebensbedrohlichen Bedingungen gefertigt wird. Ich sage mit meinem Angebot/Nachfrage-Voting, aber auch ganz öffentlich auf diesem Blog: Ihr dürft das nicht. Ich will das nicht. Wir haben die Schnauze voll von „Profit um jeden Preis“. Endlich!

Über das Warum müssen wir an dieser Stelle nicht mehr reden. Lasst uns lieber das Wie anpacken. Heute!

Umstieg auf faire Mode – Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Fair Fashion Einstieg.

Kann ich heute schon anfangen?
Ja! Bitte.

Muss ich dann direkt ein fair produziertes Kleidungsstück kaufen?
Nein, überhaupt nicht. Gegen die Ausbeutung und Gefährdung von NäherInnen zu sein, heißt nicht, dass du jetzt und sofort die Gegenbewegung finanziell unterstützen musst. Das wäre natürlich irgendwann wünschenswert – aber der erste, allerwichtigste Schritt ist in meinen Augen das Nichtkaufen. Es kam mir am Anfang selbst mickrig vor, „nur“ aufzuhören und nichts anderes zu machen – aber ein Kunde, den die Fast Fashion Industrie verliert, ist nicht nichts. Es sind bis zu 60 Kleidungsstücke im Jahr, die allein für diese Person nicht über den Ladentisch gehen.

Woran erkenne ich faire Mode?
Es gibt mehrere Siegel, an denen du dich orientieren kannst. Die bekanntesten sind das Fairtrade Siegel, das Siegel der Fair Wear Foundation für verbesserte Produktionsbedingungen und das GOTS Siegel für Biobaumwolle. Eine Kombination aus diesen Erkennungsmerkmalen bietet eine gute Orientierung, aber nicht alles, was fair produziert ist, muss unbedingt ausgezeichnet sein – denn Siegel sind teuer. Corinna von Kissen & Karma hat den Siegeldschungel ein wenig genauer erklärt.

Wo finde ich faire Mode?
Das Kartoffelsack-Image aus dem Ökoladen ist längst passé. Fairtrade Kleidung ist im Kommen – und sie sieht super aus. Das ist bequem für uns, weil es heißt, dass die Labels zurzeit quasi aus dem Boden schießen, die Auswahl immer größer wird, und die Sachen sowohl online als auch offline immer verfügbarer sind. Eine kuratierte Auswahl von Onlineshops und Marken findest du in meiner Fair Fashion Liste, eine weitere in der Liste von Dariadaria, oder für einen ersten Überblick über verschiedene Marken zum Beispiel im Avocadostore.

Ich glaube, ich kann mir faire Mode nicht leisten.
Ich glaube schon. Am Anfang sind die Preise der fairen Labels einschüchternd – schlicht weil wir von den großen Ketten anderes gewohnt sind. Da dieses andere aber einfach nicht normal ist, und keine fairen Löhne finanzieren kann, müssen wir umdenken: Kannst du es dir wirklich nicht leisten oder kannst du dir nur nicht mehr so viel neue Kleidung leisten? Ich glaube, wir alle brauchen sehr viel weniger als wir haben; das sieht man schon daran, dass so viel unbenutzt rumliegt. Ich habe inzwischen viel lieber wenige, hochwertige Lieblingsteile, als einen Schrank voll minderwertig beschaffener Billigware, die ich nicht einmal ansatzweise aufzählen oder visualisieren könnte, wenn mich jemand danach fragen würde. Du kannst dir Fair Fashion leisten – weil du nicht heute eine neue Garderobe zusammenstellen wirst, sondern Stück für Stück nachkaufen kannst, was du wirklich brauchst oder möchtest. Und auch im Fair Fashion Bereich gibt es Hersteller, die Basics zu moderaten Preisen anbieten. Hier findest du meine Liste fairer Marken, sortiert nach Budget.

Ich kann mir faire Mode auch dann nicht leisten, wenn ich nur das Nötigste kaufe. Was soll ich machen?
Neben den oben genannten Basic-Fairtrade Marken gibt es immer die Möglichkeit, Second Hand Mode zu tragen. Das ist günstig, individuell, sendet nahezu dasselbe Signal an die Fast Fashion Industrie und ist dabei umweltfreundlicher als alles andere, weil es keine neuen Ressourcen verbraucht. Ich selbst fahre einen Mix aus Fair Fashion und Second Hand. Mode aus zweiter Hand gibt es online, zum Beispiel auf Kleiderkreisel, oder offline in tollen (Vintage-)Stores und Kleiderflohmärkten zum Stöbern.

Soll ich meine Kleidung, made in Bangladesh, trotzdem auftragen?
Unbedingt. Niemandem ist geholfen, wenn du sie wegwirfst. Wir haben zu wenig dafür bezahlt und zu viel dafür riskiert – also lasst uns wenigstens den Wert dieser Sachen bis zum Ende ausschöpfen. Wenn du zu viel hast und reduzieren willst, ist Spenden natürlich eine gute und soziale Möglichkeit.

Darf ich Mode von Fast Fashion Marken Second Hand kaufen?
Eine schwierige Frage, über die man heftig diskutieren kann, aber ich finde: Grundsätzlich, ja. Nach der neuen gehypten Jacke von Marke X sofort auf Kleiderkreisel zu suchen, weil es dann quasi nicht gilt, finde ich sehr wohl fragwürdig. Auch achte ich darauf, dass ich nicht unbedingt große Markenlogos oder Dauerbrenner wie bekannte Taschenmodelle o.ä. trage, um nicht unfreiwillig Werbung zu laufen. Aber grundsätzlich ist alles, was nicht in den Müll geht, besser, als alles, was neu produziert werden muss.

Wenn ich es nicht konsequent schaffe, Fast Fashion zu boykottieren – kann ich es dann gleich lassen?
Ich bin kein Fan von „Ganz oder gar nicht“. Lieber ein bisschen fairer, oder zum Großteil fair, als Scheißdrauf. Das Bewusstsein, dass der eigene Konsum gewaltige und schmerzhafte Auswirkungen auf andere Menschen hat, ist alleine schon viel wert, und jede noch so kleine Änderung im eigenen Verhalten hilft. Dennoch steht diese Frage am Ende, weil ich finde, dass es für jeden zumutbar ist, Kleidung ausschließlich bewusst, fair und nachhaltig zu konsumieren. Es ist nur Kleidung – wofür wäre es noch sinnloser, andere Menschen leiden zu lassen?

Was kann ich sonst noch tun?
Du kannst auf das Problem aufmerksam machen – ganz einfach in Social Media, indem du diesen oder andere Artikel zum Thema teilst, im Freundeskreis, aber auch wirtschaftlich oder politisch. Schreib einen Brief an einen Abgeordneten oder direkt an die Marken, die verantwortlich dafür sind. Unterzeichne Petitionen oder starte selbst eine Initiative. Jedes noch so kleine Zeichen zählt. Bring andere zum Nachdenken und gehe selbst mit gutem Beispiel voran – das ist zumindest meine Taktik.

Let’s start a revolution! Today.

Bist du dabei?

Quellen:
fashionrevolution.org
Gebäudeeinsturz in Sabhar
Die lebensgefährliche Schufterei der Textilarbeiter (SPIEGEL)
Ressourcenverschwendung: 40 Prozent aller Kleidungsstücke sind Schrankhüter
Wegwerfware Kleidung: Repräsentative Greenpeace-Umfrage
The True Cost (auch auf Netflix)

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4 Comments

  • Reply
    Tabea
    25.04.17 at 20:26

    Bin dabei – schon seit über einem Jahr. Fast Fashion ist wirklich ein Unding… da kaufe ich nun nur noch Second Hand, weil eben faire neue Kleidung Dank Pony, Wohnung, Auto UND Studentengehalt doch zu teuer wäre.

    Ich teile dann jetzt mal deinen Post 😉

    Liebe Grüße

    • Reply
      Sabine
      26.04.17 at 12:34

      Gut, man muss immer Prioritäten setzen. Und wenn deine für dich stimmen, ist das doch klasse!
      Danke fürs Teilen!
      xx

  • Reply
    Pia Marie
    26.04.17 at 10:29

    Hey Sabine,
    ich finde es großartig, dass du dich persönlich schon komplett von Fast Fashion distanziert hast. Ich möchte diesen Schritt auch endlich gehen.
    Aber ich muss ehrlich sagen – einfach finde ich es nicht. Ich liebe Mode und jedes mal, wenn ich an Zara & co vorbeilaufe, muss ich mich zusammenreißen, bei mir ist das Kaufen echt wie eine Sucht. Aber ich schaffe es immer öfter mir die Fakten und Bilder in Erinnerung zu rufen, bevor ich reflexartig in das nächste Geschäft renne, angezogen von den „Sale“- Schildern. Der Preis ist einfach zu hoch.
    Es wird wohl ein längerer Prozess bis mein Kleiderschrank vollständig im „grünen Bereich“ ist, aber ich bin erleichtert, zumindest auf dem richtigen Weg zu sein. Blogs wie deiner sind eine große Hilfe! Weiter so!
    Liebe Grüße,
    Pia
    vielleicht wird alles vielleichter

    • Reply
      Sabine
      26.04.17 at 12:33

      Hey Pia,
      ich kann deine Lust am Kaufen gut verstehen. Aber vielleicht wäre schon ein erster Schritt, die Sachen lieber gebraucht zu holen, wenn sie eh schon im Kreislauf sind. „Second Hand“ hat noch ein etwas staubiges Image, aber letztendlich können das ja auch Klamotten sein, die noch relativ neu oder zumindest zeitlos sind. Da verpasst man vielleicht die allerneuesten Trends – aber nicht schöne Kleidung!
      Davon abgesehen finde ich, dass besonders faire Labels in letzter Zeit ziemlich aufholen, was die „modische Qualität“ angeht! Schau dich doch mal ein bisschen um 🙂
      xx

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