Minimalism

Fair Fashion Outfit: The Struggle Is Real

nachhaltig leben Zweifel

An manchen Tagen bin ich richtig mies drauf. Und „manche“ werden dann zu vielen, wenn das Wetter in Hamburg sich wochenlang einfach gar nicht erbarmen will – oder mich an einem einzigen, lauwarmen Samstag mal kurz vielversprechend anlacht wie ein nichtsnutziger Typ, der mir dann, am Sonntagmorgen, kommentarlos jede Hoffnung auf mehr nimmt. Sag mal, Hamburg, geht’s eigentlich noch?

Dann buche ich spontan einen Trip in die Sonne und bin kurz erleichtert. Der Schmerz lässt nach, allein durch den Gedanken an eine Limonade und sonnengeküsste Haut auf einem Dach in Lissabon. Aber plötzlich ist am Ende des Geldes noch… verdammte Kacke, fast der ganze Monat übrig. Dann rede ich mich in Rage und frage mich, wieso ich diesen ganzen Scheiß hier eigentlich mache. Wieso ich eigentlich glaube, dass ich so eine Escape mal eben aus dem Ärmel schütteln kann, wieso ich überhaupt ständig so viel Geld ausgebe für Bio und Regio und Öko, wieso bezahle ich eigentlich Spotify und Netflix UND Amazon Prime und ist die Bildergalerie, die ich im Januar geplant und bestellt habe, nicht eigentlich die unnötigste und hirnrissigste Idee, die ich in diesem noch jungen Jahr hatte? Wieso habe ich eigentlich nie genug Geld? Ist es aus dieser Position heraus nicht völlig lächerlich, faire Mode kaufen zu wollen? Spinne ich? Und wieso zahlt diese verdammte „Moral“ eigentlich nicht meine Rechnungen? Und: Wieso bin ich eigentlich nicht Immobilienmaklerin statt Junior UX Designerin? I mean, why the hell not?

Fair Fashion Kosten

Well, because I chose otherwise.

Die Wahrheit ist: Ich mache das alles, weil ich eben irgendwie doch kann. Ich schaffe es, die Jeans für 100 Euro vom Monatsbudget abzuzwacken. Das geht nicht aus der Portokasse. Aber es geht irgendwie. Ich bin wirklich nicht reich, aber in meiner aktuellen Situation durchaus privilegiert. Und ich finde es nach wie vor wichtig, dass ich es mache. Das wird mir klar, als ich eine Instagram Story von Maddie sehe, in der sie erzählt, wie sie sich über erfolgreiche YouTuberinnen ärgert, die mit Billigeinkäufen bei Target prahlen – obwohl sie allein durch ihren YouTube Fame so locker das Geld hätten, fair produzierte Ware zu kaufen. Aber es anscheinend einfach nicht besser wissen. In eine solche Verantwortungslosigkeit will ich nicht zurück, auch wenn es sich im ersten Trotzmoment immer so anfühlt, als wäre es das schönste, alle Verantwortung von mir zu schmeißen und wieder ganz unbedarft zu sein.

Fair Fashion Blog Hamburg

Da stehe ich nun also mit meinem Hipsterdutt und meiner hochgekrempelten Hose und sage euch, dass das alles gar nicht mal so easy ist. Na sowas! Aber am Ende ist die Übersetzung dieses zurzeit so verbreiteten, leicht scherzhaften „The struggle is real“ doch wirklich nur „Ich habe ein Luxusproblem“. Ein Luxusproblem in diesem Fall nicht deshalb, weil die Arbeitsbedingungen in Bangladesch nur Vielverdiener angingen. Es gibt für jeden eine Lösung, das beschreibe ich in diesem Artikel über die Leistbarkeit von Fair Fashion. Es ist deshalb ein Luxusproblem, weil die „Probleme“, die ich beschreibe, Konsequenzen meiner Handlungen sind. Weil ich entschieden habe, dass ich lieber reisen will als direkt nach dem Berufseinstieg schon in einen Bausparvertrag zu investieren, Möbel bei Bolia einzukaufen oder jeden Mittag essen zu gehen. Weil ich entschieden habe, dass kein Fummel der Welt und kein „gespartes Geld“ es mir wert sein können, dass andere Menschen dafür leiden müssen. Weil ich entschieden habe, dass ich in einer Kreativagentur arbeiten will und nicht in einer Anwaltskanzlei. Weil ich dieses Leben wollte und kein anderes.

Der Hustle so hart.

Kürzlich gab ich einer Studentin ein Interview für eine Minimalismus-Reportage. „Hast du seit deiner Entscheidung für Fair Fashion das Gefühl, auf etwas verzichten zu müssen?“, fragte sie mich. „Und wie geht es dir damit?“ Ich zögerte einen Moment, aber die Antwort kam eigentlich sehr intuitiv. „Mir geht es sehr gut mit meiner Entscheidung. Weil es eben meine Entscheidung war. Ich muss ja auf nichts verzichten. Ich kann morgen wieder Mode made in Bangladesh kaufen. Will ich nur nicht.“ Aber allein durch diese Entscheidung, etwas zu wollen und nicht zu müssen, verschwindet natürlich nicht in jeder Situation das Gefühl, dass mir das Geld anderswo fehlt und dass das scheiße ist. Es gibt Momente, in denen ich es hasse, nicht mehr zur Verfügung zu haben. Wer kennt dieses Gefühl nicht? Das sind Momente, in denen ich mir dämlich vorkomme und mich frage, ob mein Handeln überhaupt einen spürbaren Impact hat oder ob ich mich am Ende doch nur finanziell ruiniere – für nichts?

Fair Fashion Outfit Rollkragen
Fair Fashion Outfit Winter

Longsleeve: Funktionschnitt
Jeans: Armedangels
Schuhe: Will’s London

Lohnt es sich? Natürlich tut es das, wenn ich dann mal wieder aufhöre, zynisch zu sein. Jede Reise, jedes Kleidungsstück, jeder Bio-Einkauf sind es am Ende wert. Ich finde, ich darf auch mal motzen und zweifeln, denn besonders leicht ist das alles halt echt nicht (und dann noch der Winter in Hamburg, ich sag’s euch ja). Aber was ich in solchen Momenten zugegebenermaßen aus den Augen verliere, ist, wie weit ich schon gekommen bin. Ich stehe hier heute in meinem ersten (fast) kompletten Fair Fashion Outfit, vom Shirt über die Hose bis zu den Schuhen. Dabei habe ich vor weniger als einem Jahr angefangen, umzustellen. Dass alle meine alten Socken ausgeleiert sind und ich nur mittelmäßig Lust habe, für neue und fair produzierte demnächst 50€ auszugeben, ist eine Sache, über die ich mich jetzt aufregen könnte. Ich könnte es aber auch lassen und stattdessen sagen, dass ich das alles immerhin nicht grundlos mache. Und dass die doofe Sonne hoffentlich bald mal länger als einen halben Tag scheint. Spätestens in Lissabon.

Fotos: Johannes Fucke

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4 Comments

  • Reply
    Katrin
    09.02.17 at 00:02

    Danke danke danke! Es tut gut, solch ehrliche Worte zu lesen.

  • Reply
    Tabea
    09.02.17 at 05:54

    Das hast du echt klasse auf den Punkt gebracht! Ich kann echt voll verstehen, wie du dich fühlst, denn manchmal frage ich mich auch, warum ich eigentlich Gemüse zum vierfachen Preis kaufe und warum zum Teufel ich mich mit dem Vorsatz, nur Bio-Käse zu kaufen so einschränke. Aber dann, wenn ich zu etwas anderem greifen würde, würde es sich dermaßen falsch anfühlen, dass mir das gute Produkt jeden Cent mehr wert ist.
    Und ganz ehrlich: Diese ganzen Shoppinghauls widern mich ab. Ich bin da eher der Meinung, dass man lieber ein vernünftiges als drei billige, unethische Teile kaufen sollte.

    Liebe Grüße

  • Reply
    Jenni
    10.02.17 at 09:21

    Liebe Sabine,

    ich weiß nicht, wie genau du das immer macht: Dieses Niederschreiben und Ausdrücken genau der Gedanken, die mir vor ein paar Tagen noch selbst im Kopf herumgeisterten. Vielleicht kannst du Gedanken lesen. Oder profaner: Vielleicht sind das genau die Gedanken, die sich eine ganze Generation von nachhaltig ambitionierten jungen Menschen macht (oder machen sollte) – und wahrscheinlich ist es genau darum so wichtig, sie zu verbalisieren, niederzuschreiben und ehrlich mit anderen zu teilen.
    Ich danke dir jedenfalls für diesen wundervollen Text, der mir wieder zeigt, dass es absolut okay ist, dass am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig ist und dass es einen Sinn hat, was wir hier machen. Denn diese Überzeugung (und es ist mehr als nur ein Glaube) dürfen wir niemals verlieren.

    Liebe Grüße
    Jenni

  • Reply
    Anna
    31.03.17 at 13:56

    Abgesehen vom Text – ganz großartige Bilder. Wow!

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