Hamburg Personal

Unser Gartenprojekt oder: Aufgeben für Anfänger

Gescheitertes Projekt Saisongarten

Mitte Mai, der Frühsommer in Hamburg startet gerade mit kräftigen Sonnenstrahlen durch. Wir sind früh dran und spazieren über den menschenleeren Hof der Gärtnerei in einen offenen Vorraum, der aussieht wie ein Gewächshaus. “Entschuldigung, wo finden wir denn die Parzellen? Wir kommen zur Einweihung.” Erschrockener Blick. “Oh. Da sind Sie hier falsch.” Während wir die 15 Kilometer zum Partnerhof irgendwo hinter Bergedorf fahren, lachen wir noch. Zweieinhalb Monate später erklären wir unser erstes eigenes Gartenprojekt für grandios gescheitert – eigentlich noch nicht einmal grandios gescheitert, eher durchschnittlich verkackt. Ob der schlechte Anfang ein Omen war?

Zurück zum Dezember – denn das Projekt begann unterm Weihnachtsbaum, oder einige Wochen davor, als richtig gute Idee. Der Saisongarten auf Hof Eggers ist (und bleibt) eines der coolsten Geschenke, die mir je gemacht wurden. Weil es einfach eine superschöne, fast schon romantische Vorstellung ist, Gemüse einfach mal selbst anzubauen. Es passt zu mir, zu meinem neu gefundenen Umweltbewusstsein und meinen Less Waste Bemühungen wie die Faust aufs Auge – sozusagen die perfekte Ergänzung zum Urban Lifestyle. Für alle, die es trotzdem ein bisschen grün mögen. Auf 45 Quadratmetern biodynamisch bewirtschafteter Demeter-Erde werden von der Gärtnerei Sannmann bereits einige Gemüsesorten vorgepflanzt und regelmäßig bewässert. Was für die Saisongärtner vor der Ernte bleibt, ist nur noch die Pflege der Parzelle. Und, Junge, haben wir die unterschätzt!

Überhaupt hatte ich mich bisher kaum mit der praktischen Landwirtschaft beschäftigt. Selbst ein Saisonkalender ist etwas, das mir erst im letzten Jahr bewusst wurde; nämlich, als ich anfing, mich ernsthaft mit nachhaltigen Themen auseinanderzusetzen. Aber wir sind nicht die Einzigen, die vom Gemüseanbauen bisher nur verklärt geträumt haben. Irgendwie schaffen wir es zur Einweihungsveranstaltung doch noch auf unser Feld – nicht, ohne auf dem Weg das akkurat gekleidete Eppendorfer Hipster-Paar Mitte 30 zu spotten, das passend zu den blauen Hemden ein vollausgestattetes Kleinkind und eine Vintage-Holzkiste mit Gartenwerkzeug trägt, die sowas von vom Flohmarkt kommt (und garantiert zu teuer war).

Die Mischung in der Versammlung ist ziemlich amüsant, denn irgendwie ist jeder da. Von Eppendorf bis Henna-Dreads. Und mittendrin wir. Schonmal gegärtnert hat auf Nachfrage nur die Hälfte – also die, die den Garten schon das zweite oder dritte Jahr haben. Wir atmen auf. Ein bisschen unvorbereitet kommt man sich trotzdem vor, wenn man gefühlt als Einzige noch keine Handschuhe und kein Werkzeug mitgebracht hat. Aber wir lassen uns nicht beirren, schon gar nicht von uns selbst.

Beim ersten richtigen Versuch in der folgenden Woche versinke ich knöcheltief mit meinen Wanderschuhen im Matsch. Macht nichts – ich will nur Second Hand Gummistiefel kaufen und die lassen sich eben nicht sofort besorgen.

Wir pflanzen Tomaten, Erdbeeren und Rucola. Der Rucola ist verdörrt, als wir an einem warmen Tag das nächste Mal aufschlagen. Ein bisschen ironisch, wo mir kurz zuvor erklärt wurde, dass Rauke eigentlich Unkraut ist, aber nicht so wild! Wir pflanzen weiter.

GartenarbeitGarten in der Stadt

Wir lassen uns nicht von dem anderen Unkraut ärgern, das in den ersten paar Wochen kommt – wir wissen, dass man es mit der Wurzel rausholen muss, aber manchmal, da klappt das eben nicht. Oder man kann die Pflanze nicht vom Unkraut unterscheiden, weil man halt keinen Blassen hat – von Bekannten und von Feldnachbarn hören wir, dass sie im ersten Jahr versehentlich alle Möhren aus der Erde gezogen haben. Wir entscheiden: Da, wo wir es nicht checken, lassen wir das Unkraut vorerst Unkraut sein. Eine ganz, ganz dumme Idee.

Nach wenigen Wochen ernten wir den ersten Salat. Er ist rot und bitter, aber stolz sind wir trotzdem. Dass wir offenbar Strebernachbarn haben, hilft uns dabei, die Gemüsepflanzen langsam doch vom Unkraut zu trennen – einfach mal rübergucken, was bei den anderen noch steht. Wir lassen uns nicht entmutigen oder von absurden Konkurrenzgedanken einnehmen – dafür haben wir zu viel Spaß. Die Arbeit im Saisongarten tut gut, sie lenkt vom Alltagsstress ab und bringt uns zusammen. Auf dem Weg nach Hause fühle ich mich oft wie nach einer Yogastunde.

Eigene Ernte Erbsen

Dann passiert alles auf einmal: Wochenlang regnet es nahezu durch und abgesehen von der unangenehmen Arbeit ist das Feld in dem Zustand nicht betretbar, weil man einfach im Matsch stecken bleibt. Wir sind beide eingespannt im Job, meistens abwechselnd, und es braucht immer das Auto, also mindestens ihn, um die Distanz aufs Land zurückzulegen. Dann ist G20, dann ein Wochenendjob. Dann regnet es wieder. Dann sind wir zu müde. Wir schaffen es drei oder vier Wochen nicht raus, obwohl wir wissen, dass das fatal ist.

Irgendwann fahren wir wieder hin. Zwischen Unmengen von Unkraut finden wir bei mehreren Besuchen insgesamt drei Erdbeeren, fünf Kohlrabi, bunten Mangold, ein paar Radieschen und eine anständige Portion Erbsen. Das klingt nicht so wenig, aber geplant war wirklich mehr. Wir versuchen, dem Unkraut Herr zu werden, aber im Vergleich zu den Nachbarn sehen wir: Der Schaden ist angerichtet. Unsere Pflanzen sind nur auf einen Bruchteil der Größe herangewachsen. Einige sind außerdem zerfressen.

Als wir dann noch die überreifen Bohnen am Wochenende hängen lassen – “wir kommen Mittwoch nochmal und kochen sie dann frisch”, erneut einfach zu viel Regen fällt, sein Job in die Quere kommt und ich auch noch krank werde; die Bohnen nach zwei weiteren Wochen ganz sicher nicht mehr schmecken – da wissen wir, dass das Experiment echt daneben ging. Und dass wir beide uns inzwischen mehr Druck machen, als wir noch wirklich Lust und Freude daran haben. Zeit, den Druck rauszunehmen.

Unkraut Parzelle
Kein Blumenbeet.

Der Gedanke war gut, die Bedingungen schlecht – ein Feld, das dreißig Kilometer entfernt ist, neben meinem 40+-Stunden-Job und seinen Aufträgen zu pflegen, noch dazu in diesem sumpfigen Sommer 2017, wenn man keinen Plan vom Gärtnern hat, ist irgendwie utopisch. Irgendwann sitzen wir zusammen und beschließen: Wir sehen jetzt zu, dass wir das retten, was noch geht. In die Dämme, für die wir noch Potential sehen – vielleicht für das Herbstgemüse -, stecken wir unsere Energie, wenn wir es zum Garten schaffen. Alles andere wäre ein Kampf gegen Windmühlen, und den gewinnen wir in dieser Saison nicht mehr.

Man kann uns nicht vorwerfen, dass wir nicht lösungsorientiert sind. Aber manchmal, da ist die Lösung eben auch, aufzugeben, weil das Problem gar nicht so wichtig ist – oder vielmehr so zu priorisieren, dass man bis zum Schluss noch das Beste rausholt, ohne sich fertig zu machen. Manchmal ist es okay, nur die 80% mitzunehmen und gar nicht mehr nach den 100% zu greifen. Oder die 20%, wenn ich mir das verwucherte Feld so ansehe. Manchmal kommt etwas zu Großes in die Quere, und sei es “nur” der Alltag. Wenn man bereit ist, sich die einzige Erdbeere zu teilen, ist man wohl auch bereit, den Spaten fallen zu lassen und sich einzugestehen, dass es so, unter diesen Umständen, in diesem Jahr einfach nicht hinhaut.

So schön die Idee war – sie muss zur Lebenssituation passen. Eine wöchentliche Gemüsebox vor der Wohnungstür klingt lange nicht so romantisch wie der Saisongarten, dafür aber so erleichternd. Das lernen wir fürs nächste Jahr.

Immerhin: Die Hipsterfamilie haben wir auch nicht wiedergesehen. Oder wir haben sie nicht mehr erkannt, weil sie das Gärtnerdasein voll auslebt.

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7 Comments

  • Reply
    Tabea
    06.08.17 at 15:56

    Dass das mit eurem Beet nicht so geklappt hat, ist ja wirklich schade, denn ich kann die nur zustimmen, dass die Idee grundsätzlich toll ist.

    Allerdings finde ich es gut, dass du euch keine Vorwürfe machst, denn das Feld ist einfach zu weit weg. Sowas muss meiner Meinung nach wenigstens mit dem Fahrrad erreichbar sein… Und bei deinem job ist die Zeit wohl echt zu knapp.

    Ich sammle dieses ja auch erste Erfahrungen im Garten, allerdings nur in Töpfen vor meinem Fenster, weil ich zur Miete eine Wohnung habe und daher den Rasen nicht kaputt machen darf. Eine Einleggurke konnte ich gestern ernten und zwei Mal je eine Hand vo Bohnen… Die Zucchini sind beide an Mehltau gestorben, die Tomaten wollen nicht reif werden… Aber Schnittlauch, Petersilie und Basilikum hab ich jetzt voll drauf 😉

    Vielleicht ist ein Garten auf der Fensterbank auch eher was, was zu deinem Alltag passt? Oder ein normaler, nicht bio, Garten, der näher dran liegt? Du musst ja nicht künstlich spritzen und düngen und das bisschen, was vom Nachbarn rüber weht, kann man wohl verschmerzen…

    Liebe Grüße

  • Reply
    Uli
    06.08.17 at 19:55

    Ach wie Scheiße! Die Kamille ist aber echt auch ein Luder. ABER: das passiert jedem, ich baue jetzt schon das 10. Jahr an und jedes Jahr ist irgendwas. Die Idee ist ja so cool, aber doch ein Stück zu fahren, bei Vollzeitjob, puh. Hast du einen Balkon oder Terrasse? Kennst du das Prinzip vom Tischgarten? Lass den Kopf nicht hängen, glg Uli

    • Reply
      Sabine
      06.08.17 at 22:38

      Liebe Uli,
      das mit dem Luder gefällt mir! 😀
      Leider habe ich eben keinen Balkon oder Garten, sonst wäre das der Plan fürs nächste Jahr. Aber so wird es wohl erstmal die Gemüsebox.
      Liebe Grüße!
      Sabine

  • Reply
    Karin
    09.08.17 at 13:29

    Hier an der österreichischen Grenze zu Tschechien hat es diesen Sommer lange viel zu wenig geregnet. Meine Mutter hat einen grünen Daumen und bearbeitet ihren Gemüsegarten schon seit 3 Jahrzehnten, aber heuer hat sie die Ernte inzwischen auch schon aufgegeben. In den ersten Wochen ging’s noch, aber nach der Dürre war die Ausbeute ziemlich mager. Nachdem sie selbstständig ist, ist die verfügbare Zeit fürs Gärtnern auch begrenzt.
    Selbst mit viel Erfahrung und mehr Nähe zum Garten gibt’s bei Mutter Natur nie eine Garantie, dass alles klappt.
    Mit deiner Erfahrung weißt du die frischen Lebensmittel jetzt sicher noch mehr zu schätzen, wenn sie mit der Gemüsebox geliefert wurden. Das kann man doch auch als Erfolg verbuchen. 😀

    • Reply
      Sabine
      09.08.17 at 18:52

      Liebe Karin,
      das ist ja superschade! Ich hoffe, das nächste Jahr wird besser.
      Genau den Lerneffekt gab es tatsächlich – als ich gesehen habe, wie „wenig“ von so einem 45qm großen Feld abfällt und wie viel man dafür tun muss, war ich echt ein wenig geschockt.
      xx

  • Reply
    Amelie
    12.08.17 at 18:22

    Ach wie schade! Aber ich finde für die Erfahrung war es das Geschenk auf jeden Fall wert! Und nach so einer Erfahrung schätzt man das gute Gemüse, welches Bauer für einen anbauen und ernten vielleicht auch noch ein bisschen mehr wert. 🙂
    Bei der Entfernung war das Projekt (in Verbindung mit Vollzeitjob & Leben) einfach ein bisschen zu ambitioniert würde ich sagen, aber vielleicht gibt es zu einem späteren Zeitpunkt nochmal die Gelegenheit unter besseren Bedingungen dem Gärtnern eine Chance zu geben! Davon bin ich sogar fest überzeugt. Spätestens wenn es mal einen eigenen Garten gibt. 🙂

    Liebe Grüße, Amelie

  • Reply
    Frank
    15.08.17 at 22:47

    Hallo Sabina,

    ein sehr schöner Bericht und ich finde, dass ihr euch sehr wacker geschlagen habt! Wenn ich mich an unsere ersten Gehversuche erst auf der Fensterbank und dann auf einem Gartenstück nur 10 Fahrradminuten von uns entfernt erinnere… gar nicht leicht. Finde eure Ernte jedenfalls für den ersten Versuch gut! Gärtnern ist ja leibhaftig kein Hexenwerk, aber eben auch nicht ganz einfach.

    Unser Garten in Prisdorf ist „nur“ 24km entfernt und noch sehr gut angebunden (15min vom Bahnhof Dammtor) + 10 Minuten latschen und da ist es auch schon eine großer Herausforderung jedes Jahr. Wir haben uns mit vier weiteren Paaren zusammengetan. Einige davon wohnen direkt in der Nähe. Vielleicht ist das gemeinsam Gärtnern für euch in der nächsten Saison auch eine Option? Andernfalls, ich weiß ja nicht, wo du genau in HH wohnst, aber es gibt auch einige städtische Gartenprojekte, die sich immer wieder über neue Leute freuen. Z.B. im Gartendeck (Große Freiheit), wo in Kisten gegärtnert wird oder im Hamburger Volkspark mit „echten Beeten“. Aber auch bei uns könntet ihr gerne mal vorbeikommen, wenn ihr mögt 🙂 wir haben 3000 Quadratmeter Platz 🙂
    Ich bin jedenfalls immer wieder erleichtert, wenn wir in manchen Jahren (dieses Jahr z.B.) bei unseren sporadischen Gartenbesuchen manchmal sogar hinfahren und doch nur die Beine hochlegen können, etwas Grillen und fertig. Vielleicht ergibt sich ja auch so die Vereinbarkeit von Job und Landliebe. Das wünsche ich euch euch jedenfalls!

    Andernfalls ist auch die Gemüsekiste eine tolle Sache und ein Essen daraus bei Kerzenschein und Wein ist dann ja auch doch ganz romatisch!

    LG Frank

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