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Introvert’s Diary: Die besten Orte, um allein zu sein

allein sein lernen

„Sonntag! Lass uns was machen!“ So oder so ähnlich beginnt die Konversation, die ich an manchen Wochenenden am meisten fürchte. Iiiiiih. Ich meine, muss das sein? Es ist immer dasselbe: Die Woche ist hart, der Samstag meistens durchgetaktet mit Erledigungen und abends dann mit sozialen Aktivitäten. Und dann ist da dieser Tag am Ende der Woche, der so erholsam sein könnte. Würde man nicht ständig überredet, ihn auch noch mit dem ganzen Stress zu verbringen. Drinks hier, Freizeitpark da, Stadtbummel dort. „Was für Stress, spinnst du? Gesellschaft ist doch schön!“ Ja. Wenn nicht Sonntag ist und man nicht gerade nur allein sein will. Ehrlich: Introvertiert zu sein ist nicht einfach. Es sei denn, man ist für sich. Was für die einen der Horror ist, weil es sie langweilt, weil es ihnen irgendwie unvollständig vorkommt, weil immer etwas fehlt… ist für uns Introverts genau das, was wir in einer lauten, immer-sozialen Welt suchen. Ein Tag, um aufzutanken. Einen Ort, an dem wir auch einfach mal allein sein dürfen.

Allein im Zug oder Flugzeug

Allein unter vielen – wenn ich auf meinem Fensterplatz im ICE sitze und die Welt draußen an mir vorbeiziehen lasse, geht es mir einfach nur gut. Es ist seltsam, was dieses Raum- und Zeit-Ding mit einem macht. In wenigen Stunden ein Mal quer durch Deutschland zu fahren oder über den Atlantik zu düsen, fühlt sich tief in mir noch immer nach einem Wunder an. Es ist irgendwie nicht ganz richtig, so schnell voranzukommen, so gegen die Natur. Es dauert immer ein bisschen, bis mein Kopf am Ziel angekommen ist, bis mein Körper sich an diesen befremdlich schnellen Ortswechsel gewöhnt hat. Aber unterwegs werden meine Gedanken plötzlich ganz schnell, so, als würden sie sich anpassen. Ich denke dann über alles Mögliche nach, und obwohl das irgendwie auch aufregend ist, werde ich völlig ruhig. Irgendwo zwischen Kassel, Bayern und der Pampa nervt es mich zwar, dass ich keinen Empfang mehr habe. Aber das Alleinsein mit meinen Gedanken ist dort purer Luxus.

Allein bei der Hausarbeit

Ja, richtig gelesen. Du musst Putzen, Waschen und Ausmisten nicht mögen. Aber du kannst diese Dinge zum Ritual machen. Damit werden sie erträglicher und, ihr könnt mich jetzt verrückt nennen, manchmal sogar richtig schön. Wenn ich sonntags meine Ruhe habe, mache ich gerne ein Audiobook an und erledige dabei die Hausarbeit. Die gedankliche Vertiefung, die dabei entsteht, ist wirklich entspannend. Auch Kochen funktioniert für mich so – ich koche eigentlich fast jeden Abend, wenn ich von der Arbeit komme, manchmal sogar nur für den nächsten Tag anstatt fürs Abendessen. Das Alleinsein in der Küche, ohne zu kommunizieren oder – noch schlimmer – auf einen Bildschirm zu schauen, bringt mich runter. Dass ich danach müde bin, habe ich schon oft als schlechtes Zeichen verstanden und mich darüber geärgert. So langsam glaube ich, dass das eine Fehldeutung war.

Allein beim Yoga

Yoga ist erschreckend ehrlich. Angefangen habe ich damit wegen meiner Rückenschmerzen, aber die körperlichen Übungen sind nur ein Teil der Erfahrung. Zwar muss ich auch heute noch grinsen, wenn die Yogalehrerin vom „Eins Sein mit Mutter Erde“ anfängt – man kann, glaube ich, nie ganz aus seiner Haut. Aber in der Stille, die man beim Üben erdulden muss, liegt das verborgen, was man im lauten Alltag gerne mal überhört. Klingt esoterisch, ist es aber nicht. Wenn man gezwungen ist, still zu sitzen und Gedanken „vorbei ziehen zu lassen“, dann bleibt man am Ende zwangsläufig bei den Gedanken stecken, die man eben nicht loslassen kann. Plötzlich siehst du die miesen Gefühle, an denen du dich festkrallst, und du fängst an, dich zu fragen, warum. Das schrieb ich auf meinem alten Blog und ich empfinde es heute noch so: Yoga ist reinigend und das Alleinsein ist dabei das Wichtigste. Und Alleinsein heißt hier wirklich: ganz allein. Ohne Musik, ohne Hintergrundgeräusch. Nur du. Das ist beängstigend und wunderschön zugleich.

Allein beim Kreativsein

Ich weiß nicht, was es für dich ist. Als Kind habe ich gemalt und gezeichnet, später Geschichten geschrieben, heute ist es vor allem das Basteln, das ich in einer ruhigen Stunde genieße. Ich liebe es, sonntags mit Tee und Keksen im Bett zu sitzen und mein Erinnerungsbuch zu gestalten. Manchmal läuft nebenbei Musik, ein Hörbuch oder sogar eine alte Lieblingsserie. Wichtig ist dabei nur, dass ich nicht hinsehen muss, sondern mich auf mein Werk fokussiere. Dann entsteht tiefe Konzentration und das ist manchmal das Entspannendste, was es gibt.

Allein in der Natur

Eigentlich selbsterklärend: Wenn man allein im Freien unterwegs ist, fällt einem noch mehr auf, wie klein man im Vergleich zur Erde ist. Es gibt niemanden, mit dem man diese Tatsache wegquatschen und banalisieren könnte, wenn man alleine auf einem Berg steht. Ich kann nicht genau erklären, was frische Luft mit mir macht. Manchmal wünschte ich, ich wäre ein Läufer und nicht jemand, dem nach 5 Minuten Jogging die Knie nachgeben. Aber auch, wenn ich in Eimsbüttel um den Weiher spaziere, denke ich ganz anders über die Welt, als zuhause vor dem Badezimmerspiegel.

Allein auf einem Date

Surprise: Ein Date muss nicht immer zu zweit stattfinden. Ich war schon oft alleine Kaffee trinken, auf einem Konzert oder spazieren. Es geht nicht darum, ob man theoretisch einen Partner zum Händchenhalten hätte oder nicht. Bewusst Zeit mit sich selbst zu verbringen ist kein Zeichen von Einsamkeit oder Verzweiflung. Es tut manchmal einfach nur gut. Ich weiß – sich alleine ins Kino oder Restaurant zu setzen, fällt erstmal schwer. Ich ducke mich auch ein bisschen vor den Blicken der Menschen, die das Alleinsein als bedauernswerte Notlösung betrachten. Eigentlich traurig, wenn man sich selbst so langweilig findet, oder? Das Gute ist: Das ist eigentlich nicht unser Problem. Und allein sein – das heißt, das Alleinsein auch schamlos zu genießen – kann man lernen. Probier’s doch für den Anfang mal mit einem richtig schönen, liebevoll gekochten Dinner zuhause, einem guten Film oder einem Buch, das du ohne Ablenkung genießt. Und das womöglich an einem Samstagabend, wo Rausgehen so viel angesagter wäre.

Und was ist dein Traumsonntag?

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9 Comments

  • Reply
    Jenni
    06.03.17 at 08:13

    Liebe Sabine,

    auch hier (mir ist es schon fast peinlich, das unter jeden Artikel von dir zu schreiben) habe ich mich wieder wunderbar wiedergefunden. 🙂

    Zugfahrten liebe ich auch sehr, wenn ich nicht gerade mit überfüllten Abteilen und Sitzplatzrangeleien und lauten Menschen um mich herum zu kämpfen habe – genauso wie das Busfahren. Einfach rausschauen und den Gedanken nachhängen – wunderschön ist das. Und wenn man ankommt, hat man immer das Gefühl, ein bisschen geerdeter zu sein, obwohl man doch eigentlich physisch gesehen meist genau das Gegenteil ist.

    Auch das Kochen und Hausarbeit-Machen empfinde ich als quasi-meditativ und mache es gerne zu meinem Ritual. Das ist eine Frage des Mindsets (um ein supermodernes Wort zu gebrauchen): Diese Tätigkeiten sind keine unliebsame Pflicht, sondern eine Kür, ein krönender Abschluss des Tages und der Beweis, dass man sich um sich selbst kümmert. Und das ist wohl die schönste Zuwendung, die man sich geben kann.

    Mein perfekter Sonntag besteht darüberhinaus aus Lesen und ganz viel Schreiben. Meistens lasse ich dann die Kreativität, die sich im Laufe der Zeit (in meinem Kopf, aber auch ganz real auf meiner Kamera) angesammelt hat, raus und gieße sie in meine Projekte. Das ist immer etwas ganz Wunderbares, da ich mich nur auf diese eine Sache fokussiere und dann prima abschalten kann.

    Liebe Grüße
    Jenni

  • Reply
    Missi
    06.03.17 at 14:24

    Mein Traumsonntag beginnt irgendwann zwischen sieben und acht und ich gehe erstmal zum Sport – allein 🙂 Nur mit meinem Buch ins Fitnessstudio. Dort ist es mit Glück noch leer und ich habe meine Ruhe. Danach darf es dann ruhig ein Frühstück mit dem Liebsten sein, aber im Anschluss setze ich mich dann an meinen Schreibtisch oder auf die Couch und drehe eine Blogrunde, schaue Youtube-Videos oder lese ein wenig. Einfach Quality-Me-Time. <3

  • Reply
    Sissy
    07.03.17 at 17:37

    Hallo liebe Sabine,
    ich habe deinen Blog erst kürzlich entdeckt und finde in deinen Posts viele Parallelen zu mir. Ich genieße das Alleinsein auch unheimlich und tanke dabei so richtig Energie. Eine Bezeichnung dafür hatte ich bisher nie und ob ich auch introvertiert bin, weiß ich gar nicht, aber es liest sich fast so 🙂 Ich finde alleine kreativ zu sein und sogar Hausarbeit zu machen, während ich einen Podcast höre ebenfalls suuuper entspannt. Hauptsache dabei alleine und für mich sein. Meinen Gedanken nachhängen. Beim Yoga bin ich Neuling, da klapp das Alleinsein noch nicht aber vielleicht kommt das auch irgendwann. Liebe Grüße

    • Reply
      Sabine
      09.03.17 at 10:29

      Oh ich meinte auch nicht, dass du alleine Yoga machen musst 🙂 Ich übe auch in der Gruppe, aber gefühlt ist man trotzdem „allein“, also komplett bei sich.
      xx

  • Reply
    Ellen
    11.03.17 at 13:21

    Was für ein schöner Text! Man muss es nicht religiös begründen, dass es einen Tag in der Woche geben sollte, an dem man ausruht oder wenigstens die Möglichkeit dazu hat. Das ist wirklich was wichtiges. Ich mag es sehr, einfach mal bei einer Tasse Kaffee ein bisschen Tagebuch zu schreiben, die Woche zu rekapitulieren, ein gutes Buch zu lesen, in die Natur rauszugehen, lecker zu kochen und zu essen und nicht auf die Uhr schauen zu müssen.
    Viele Grüße,
    Ellen

    • Reply
      Sabine
      15.03.17 at 23:37

      „Nicht auf die Uhr schauen müssen“ gefällt mir dabei am allerbesten! Danke, dass du mir das eben bewusst gemacht hast. 🙂
      xx

  • Reply
    Carina
    18.03.17 at 07:48

    Ich gehe sonntags am liebsten auch gleich morgens zum Sport, gehe laufen oder mache Yoga. Manchmal gehe ich nachmittags mit Freunden Kaffee trinken und abends wird zum Abschluss noch Tatort geschaut!

  • Reply
    Sarah & Gerald
    29.03.17 at 11:57

    Hallo liebe Sabine,

    gerade waren wir völlig in deine wundervolle „Introvertiert’s Diary“ Reihe vertieft, die fabelhaft zum Nachdenken ist. Das was du als deinen idealen Sonntag beschreibst ist eigentlich unser Leben und wir sind unglaublich froh nur an wenigen Tagen im Monat uns solchen überfordernden Situation auszusetzen. Aber dann weil wir wollen. Die restliche Zeit genießen wir unsere Ruhe, aber wir kennen auch zu genüge die Sprüche wie: „Ihr müsst doch mal raus“ „Wie, das stresst euch?“ Was die meisten Leute dann nicht verstehen ist, wie du auch in einem anderen Artikel geschrieben hast, das wir meist eben nicht wollen. Wenn wir wollen, dann können wir ganz schön viel, aber das sind meist andere Interessen für die viele kein Verständnis haben 🙂 Wir lieben die Ruhe, denn die Ruhe gibt uns Kraft und ist für uns die größte Inspiration.

    Liebe Grüße nach Hamburg,
    Sarah & Gerald

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