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Introvert’s Diary: Warum ich mich absichtlich selbst überfordere

introvertiert

Introvertiert zu sein fühlt sich manchmal an wie ein harter Hangover. Nur, dass der Stoff ein anderer ist: Der bleiernen Müdigkeit, dem latenten Menschenhass beim Einkaufen am nächsten Morgen und dem hämmernden Schädel ging meistens eine stressige Woche voran. Wechselnde Aufgaben im Job, wenig Zeit zum Tagträumen und Nachdenken, zig fremde Leute und Verabredungen nach Feierabend. Wenn ich ab Donnerstagmittag aggressiv und spätestens am Samstagmorgen völlig im Eimer bin, weiß ich, dass ich mich mal wieder mit meinen sozialen Aktivitäten übernommen habe.

Wie konnte das passieren? Eigentlich ganz einfach. Das letzte Wochenende war sehr intensiv – das Freitagsbier ging fast nahtlos in den Erledigungssamstag über, an den ein Abendessen und Drinks mit Freund und dessen Freunden knüpfte, die ich noch nicht kannte, Sonntag direkt vom gemeinsamen Frühstück zu zweit weiter ins Kino und dann nochmal Essen. Zu diesem Zeitpunkt standen schon je eine Abendveranstaltung für Montag und Mittwoch auf dem Plan, ein Date für Dienstag kam noch dazu. Wie naiv diese Wochenplanung war, bemerkte ich schon Montag, als auf der Arbeit nichts lief und klar wurde, dass ich spätestens nach meinem Abendtermin nochmal kurz ran musste.

Und was jetzt – den Unverpackt-Stammtisch im Stückgut sausen lassen?
Auf keinen Fall.

Arbeit vs Freizeit: Wenn der Job die Nummer eins ist.

Wenn es auf der Arbeit nicht ganz rund läuft, läuft in meinem Gehirn ein komischer Trotzmechanismus an: Ich lasse mir doch nicht auch noch meine Freizeit versauen! Schon gar nicht von meiner eigenen Persönlichkeit! Was soll ich denn jetzt auch noch einen Termin absagen, auf den ich mich so gefreut habe, nur weil der verpflichtende Teil des Tages blöd war? Sehe ich gar nicht ein!

Auf der anderen Seite steht meine Introversion, die mir aus Erfahrung sagt: Ey, das wird nix. Und ich so: Na warte!

Mit der Challenge kommt ein kurzer Energieschub und es klappt erstmal super. Ich fühle mich wohl in der Runde beim Stammtisch; ich bin danach müde, aber nicht gestresst. Ich mache weiter. Und weiter. Ich will mir nichts beweisen, ich kenne mich längst, aber ich will in dieser Woche eben alles mitnehmen, weil es mir wichtig ist und – dann kommt der Crash. Was am Montag ein seelisches Warnsignal war, wird am Mittwoch körperlich, ich kann mich gefühlt kaum noch auf den Beinen halten. In solchen Momenten fühlt sich introvertiert sein an, wie krank sein. Nur, dass ich’s selbst verschleppt habe und dann so richtig ausgebremst werde. Nach Mittwochabend schleppe ich mich nur noch durch die Woche, müde, dünnhäutig und genervt von meiner eigenen Selbstüberschätzung. Ich habe es mal wieder übertrieben. Aber darf ich das denn nicht?

Muss ich mir meine Freizeitaktivitäten verbieten?

Na klar darf ich mir selbst zu viel zumuten. Nur ist es eben nicht besonders schlau oder achtsam. Manchmal passiert es, weil ich von äußeren Umständen abhängig bin, punktuell mache ich es absichtlich, weil ich ein bestimmtes Ziel erreichen oder unbedingt schöne Events besuchen will – was soll ich tun, wenn die ausgerechnet auf eine ohnehin schon anstrengende Woche fallen. Auf meine inneren Bedürfnisse zu hören ist mir wichtig – aber ich finde, ich muss nicht jedem unkomfortablen “Meh” sofort Folge leisten. Im Nachhinein bereue ich nämlich keinen der Termine, zu denen ich mich selbst verpflichtet habe. Es war nur ein echt blöder Zufall, dass alles an fünf aufeinanderfolgenden Tagen stattfand.

Ich denke, ein gesunder Drang zum Hinterfragen der inneren Stimme ist gut, damit die Introversion nicht versehentlich zur Faulheit wird und wir uns selbst aus unserem sozialen Umfeld ausgrenzen. Den klassischen Deckenburrito lasse ich gut und gerne als höchste Form des Seins durchgehen, aber: Es lohnt sich auch, sich für einen guten Freund mal ein bisschen zu verausgaben, oder absichtlich die Comfort Zone zu verlassen, um neue Kontakte zu knüpfen. Man muss nur nicht immer und überall mitmischen.

Wenn ich meine Kollegen schon die ganze Woche sehe und dann am Samstag einfach keine Lust habe, muss ich mich weder dafür rechtfertigen, noch verpasse ich etwas. Die FOMO – fear of missing out – ist bei uns Mittzwanzigern zwischen Job, (Nicht-)Beziehung, Freunden, Lifestyle und dreiundfünfzig möglichen Wochenendbeschäftigungen sowieso schon ausgeprägt genug. Ich will ihr nicht auch noch eine Plattform bieten, sich über meine innerste Persönlichkeit zu stellen. Denn das kann nur in Selbstablehnung enden.

Ich überlege mir deshalb gut, wofür ich es in Kauf nehme, mich selbst ein bisschen zu sehr zu fordern. Ich überwinde mich nicht zu Unsinn, sondern nur zu Dingen, die mir so gut erscheinen, dass sie mir in dem Moment wichtiger sind als mein Bedürfnis nach dem Alleinsein. Dass das zurzeit ein unperfekter Kompromiss ist, weil 40 Stunden Arbeit, das Pendeln durch die Stadt, Alltagserledigungen und Haushalt, Freunde, Beziehung, Reisen und sonstige Interessen irgendwie nicht so genial in eine introvertierte Persönlichkeit reinpassen, ist mir dabei durchaus bewusst. Aber es gibt eben auch die andere Seite.

Was passiert mit mir, wenn ich mich zu oft zurückziehe?

Ich habe die letzten 48 Stunden zu gut 80% alleine verbracht, den größten Teil davon im Bett. Und ich finde das richtig gut, weil ich es genau so gebraucht habe. Es ist aber auch ein sehr extremer Schritt, der nur deshalb so stattfindet, weil ich unter der Woche das andere Extrem aushalten musste. Grundsätzlich finde ich es schlecht, zwischen Extremen zu pendeln; ich strebe eine Balance an. Ansonsten wird aus genüsslichem Introvertieren nämlich schnell ein gefühlt krankheitsähnlicher Zustand, der länger andauert, als ich möchte. Und der mich einsam macht.

Introversion ist an sich überhaupt nicht gleichbedeutend mit Einsamkeit, aber wenn man es übertreibt, kann das die Nebenwirkung sein. So sehr ich es genieße, allein zu sein – wenn ich tagelang keine sozialen Kontakte habe, merke ich, wie ich kommunikativ einroste. Meine sowieso schon allgegenwärtige Awkwardness wird dann fast zu einer Unfähigkeit, mit anderen zu reden; ich werde schüchtern und gehemmt. Ich komme quasi aus der Übung. Und will mich dann erst recht zurückziehen. An dieser Stelle muss ich die Abwärtsspirale beenden, bevor sie richtig anfängt. Ich muss raus und mal wieder mit jemandem sprechen.

Mit anderen zu interagieren ist in der Hinsicht so ein bisschen wie Sport machen: Es kostet mich Überwindung, aber danach bin ich auch immer wieder froh, dass ich es gemacht habe. Müde, aber glücklich. So lange ich es nicht völlig übertreibe, so wie diese Woche. Worum es also wie immer geht, ist ein gesundes Maß – jeden Tag zum Sport zu rennen tut dem Körper schließlich auch nicht gut. Jeden Tag Freunde (oder sogar Fremde) zu treffen ist für eine introvertierte Person Wahnsinn – es immer seltener zu tun, aber auch.

Denn es nützt auch nichts, dem inneren Introvert zu sehr zu frönen und jedes Zipperlein als Entschuldigung zu nehmen, um mich gar nicht mehr mit anderen Menschen auseinanderzusetzen. Irgendwo zwischen sozialer Überforderung und sozialer Isolation möchte ich mich in einem Gleichgewicht bewegen, das vielleicht nicht jeden Tag bequem ist, aber mich am Ende der Woche zufrieden macht.

Titelfoto: Johannes Fucke

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13 Comments

  • Reply
    Annika
    18.09.17 at 02:39

    Wow, der Post hat mir aber so sehr aus der Seele gesprochen. Ja das introvertiert sein mit Faulheit zu verwechseln das kenne ich nur zu gut 😉 Und lustig, ich habe etwas Beklemmung gekriegt als ich da deine Wochenplanung gelesen habe – viel zu viel….hehe.

    • Reply
      Sabine
      18.09.17 at 08:40

      Mir wurde beim Aufschreiben auch ganz mulmig 😀
      xx

  • Reply
    Jenni
    18.09.17 at 09:05

    Liebe Sabine,

    ich kann mich echt sehr gut in deinen Worten wiederfinden – ich überarbeite mich auch viel zu oft, körperlich wie mental und das aus genau denselben Gründen. Vor allem die letzte Sache mit dem „Einrosten“ kenne ich zu gut und habe mich sehr lange gefragt, ob das eigentlich nur bei mir vorkommt oder ob das gar nicht so schlimm ist, den Kontakt mit Menschen nach einer Zeit der Abstinenz erst einmal wieder erlernen zu müssen (so merkwürdig das für Nicht-Introvertierte auch klingen mag). Mittlerweile kenne ich mich ebenfalls sehr gut, was das anbelangt und kann dem vorbeugen – die richtige Balance ist dabei auch für mich wichtig, aber manchmal braucht man auch das Pendeln zwischen den Extremen, um am Leben zu sein.

    Liebe Grüße
    Jenni

    • Reply
      Sabine
      19.09.17 at 21:03

      Liebe Jenni,
      das hast du sehr leidenschaftlich ausgedrückt! Ich weiß genau, was du mit Erlernen meinst, und komme mir dabei immer genauso merkwürdig vor…
      xx

  • Reply
    Sabine
    18.09.17 at 17:17

    Hi Sabine, mir kommt das sehr bekannt vor. Wenn ich zuviel mache wird es zum Muss, dann fühlt es sich schlecht an. Ich grenze mich mittlerweile gut ab und spüre in mich hinein, ob ein Termin – auch ein privater – sich gut anfühlt oder nicht und behalte so mein Gleichgewicht.
    Das Bedürfnis nach Ruhe ist phasenweise stärker oder schwächer, dementsprechend plane meine Termine so gut es geht danach.

    • Reply
      Sabine
      19.09.17 at 21:01

      Hey Sabine,
      das stimmt total – es kommt immer auch auf die Tagesverfassung an.
      xx

  • Reply
    Sonja
    18.09.17 at 17:29

    Wirklich sehr schöner Text! Ich kenne das so gut, dass ich nach einem langen Tag einfach nur meine Ruhe will. Und dass das eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist, weil immer so viel los ist. Da muss man manchmal einfach egoistisch sein, und dann geht’s wieder.

  • Reply
    Tabea
    19.09.17 at 14:52

    Du sprichst mir aus der Seele! Wenn ich zu viel mit Menschen zu tun habe, dann fühle ich mich auch zunehmend ausgelaugt. Allerdings habe ich das Gefühl, dass mein jetziges Alter genau das Alter ist, in dem man was erleben sollte und deshalb besuche ich auch Veranstaltungen, wenn das für mich Stress pur ist. Ich will nicht immer allein sein… Nur Hochschule oder Arbeit sind eben eigentlich schon so zeitraubend.

    Aber ruhige Stunden mit meiner Familie genieße ich dann irgendwie doch.

    Liebe Grüße

    • Reply
      Sabine
      19.09.17 at 21:00

      Ich finde, kein Alter ist richtiger als ein anderes, um „was zu erleben“ – und dementsprechend ist auch kein Alter das falsche, um zeitweise einfach mal keine Lust zu haben.
      xx

  • Reply
    LaLuna
    23.09.17 at 16:10

    Oh da „nehm“ ich mir einen wichtigen Punkt aus Deinem Post raus: Wenn es sich lohnt sich mal zu überfordern.
    Ich verurteile mich viel zuoft wenn ich nach Aktivitäten mal wieder völlig ko bin (diese bleiernde Müdigkeit und mal zu 80% das Bett hüten KENN ICH!) anstatt zu sagen: jo hat aber auch Spaß gemacht…oder: ich wollte das auch machen…oder: sonst versauer ich ja nur noch auf der Couch…
    Liebe Grüße

  • Reply
    Kati
    25.09.17 at 10:27

    Ein wunderbarer Post! Den ich auch schon weitergeleitet hab, um anderen zu erklären, wie es mir so oft geht, und dass ich eigentlich nicht aus „Keine Lust“-Gründen eine Verabredung absage, sondern, weil ich Zeit für mich brauche. Ich verstehe dich absolut und beim Lesen war ich auch schon stellvertetend gestresst wegen deiner vielen Verabredungen 🙂
    Du hast aber natürlich auch sehr Recht – man darf sich nicht verleiten lassen, total zu versumpfen, denn umso schwerer wird der „Wiedereinstieg“. Hast du eine Lösung für Verabredungen, auf die man tatsächlich keine Lust hat und weiß, dass es auch die eigenen Kapazitäten überfordert, ohne andere vor den Kopf zu stoßen? Ich meine zB so etwas wie Geburtstagseinladungen von Kollegen oder generell Bekannten, die man mag – so einzeln und mal zum Kaffeetrinken – aber deren Party einen definitv (über)fordern würde? Wie kann man als Introvertierter trotzdem halbwegs sozial bleiben? Nach der zweiten, dritten Absage wirkt man meist einfach unfreundlich oder unkollegial…

    Liebe Grüße,
    Kati

    • Reply
      Sabine
      26.09.17 at 16:00

      Liebe Kati,
      danke für dein Feedback und schön, dass du so auch schon anderen erklären konntest, wie du fühlst! <3
      Ich finde es tatsächlich auch schwierig, der gleichen Person drei Mal abzusagen. Wenn man denjenigen, wie du sagst, auch mag, würde ich das eher so lösen, dass ich trotzdem mal vorbeigehe - vielleicht verschwinde ich früher wieder (dafür findet man immer einen Grund, kann aber auch ehrlich sagen "Ich bin müde"). Ich komme auch gerne pünktlich zu Parties, weil ich dann noch in Ruhe mit dem Gastgeber reden kann, bevor die Masse reinstürmt. Und dann ist früher gehen erst recht okay 😉
      xx

  • Reply
    Sonnenuntergänge September - Habutschu!
    30.09.17 at 08:00

    […] Gedanken zu Body Shaming & Ist dir bewusst, dass du sterblich bist? & Sabine über die Frage, ob Ausruhen oder Dabei-Sein wichtiger […]

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