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Introvert’s Diary: Das ist unsere Jahreszeit!

Lieblingsjahreszeit Herbst

Ich glaube, es ist kein Zufall, dass ausgerechnet die Finnen ihren Ruf als introvertierteste Nation der Welt weg haben. So stereotyp die Vorstellung vom einsamen Huskyschlitten in einer endlosen Schneelandschaft auch ist – irgendwie gehören Kälte und Rückzug zusammen. Und weil ich trotzdem keinen Schnee mag, ist der Herbst für mich die Jahreszeit, die alles hält, was der Winter verspricht: ein Paradies für Introvertierte.

Wenn ich morgens aufwache, ist das Bett noch ein bisschen gemütlicher als sonst, und anstatt mich darüber zu ärgern, dass ich irgendwann raus muss, genieße ich es ein bisschen länger, kuschle mich vielleicht mit einer Tasse Tee nochmal zwischen die Laken, während es draußen langsam hell wird.

Der Spaziergang zur U-Bahn wird ein angenehmes Ritual, die kühle Luft weckt mich langsam aus den Träumen, die mir noch ein bisschen auf den Schultern hängen. In der Bahn ist es voll wie immer, aber im Herbst finde ich wieder die Muße, ein Buch mitzunehmen und wenigstens für ein paar Minuten einzutauchen. 

Ich gehe alleine einkaufen, das mache ich immer gern, aber bei diesem Wetter hat es etwas Magisches, in einen warmen, duftenden Laden einzutreten. Es muss kein Konsumtempel sein, der faire Concept Store oder der Biomarkt um die Ecke reichen schon. Ich liebe es, mich beim Auswählen völlig konzentrieren zu können und mir beliebig viel Zeit zu lassen.

Nach Jahren melde ich mich wieder in der Bibliothek an, streife durch Bücherregale, ehrlicherweise ziemlich ohne Plan, was es überhaupt gibt (Stabi-Katalog Hamburg, I’m looking at you) – aber das ist irgendwie auch okay.

Meine Fitnessstudiomitgliedschaft läuft aus – ach, schade -, aber im letzten Monat kann ich noch die Sauna nutzen. Danach fühle ich mich wie nach einer Yogastunde – entspannt und gestärkt.

Die Natur bereitet sich auf den Winter vor – und ich atme nochmal richtig durch, wenn ich das Meer sehen darf oder durch einen kleinen Wald spaziere. Aber selbst in der Stadt, während ich an Hochhäusern vorbeigehe, spüre ich diese Veränderung in der Luft, bei der ich besonders gut nachdenken kann, bei der es mir noch besser tut als sonst, für mich zu sein. In der ich mich so wohl, so aufgehoben und gleichzeitig so voller Energie fühle.

Gib mir ein Scrapbook, Fotoecken und meinen Füller: Endlich finde ich die Ruhe, mein Jahr in Fotos auf Papier zu bringen und es nochmal anzuschauen, dankbar dafür, wie gut es war.

Und endlich ist das die Jahreszeit, in der es nicht mehr nur schön, sondern auch gesellschaftlich akzeptiert ist, wenn man sich abends auch mal mit einem Buch und Takeaway einwickelt und die Welt draußen einfach mal so sein lässt, wie sie ist.

Titelbild: Johannes Fucke

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4 Comments

  • Reply
    Carina
    07.11.17 at 01:44

    Schön geschrieben! Ich wusste gar nicht, dass die Finnen besonders introvertiert sind.

  • Reply
    Sabrina
    07.11.17 at 10:50

    Ich weiss gar nicht, ob ich introvertiert oder extrovertiert bin – ich unternehme gerne was mit freunden, mag aber keine menschenmassen. ich arbeite in meinem beruf mit jugendliche, bin aber auch sehr gerne einfach alleine – auf der couch mit tee und tv.
    ich reise gerne mit ner freundin, aber auch genau so gerne alleine. einkaufen bevorzuge ich alleine. essen gehen in der gruppe.

    ich bin wohl ein mensch, der sich nicht entscheiden kann. das zieht sich so durch mein leben. job? – joa aber in 2 jahren will ich wieder was neues. ausbildung- die klingt toll, aber nur so für die nächsten 3 jahre.

    mein perfekter herbstmoment ist ein spaziergang, im wald, bei 15grad und sonnenschein. alleine, mit meiner kamera.

    • Reply
      Sabine
      07.11.17 at 11:26

      Kann sein, dass du ambivertiert bist, also ziemlich in der Mitte – letztendlich befindet sich fast jeder irgendwo auf der Skala, die wenigsten lassen sich zu 100% einem der beiden Pole zuordnen. Es kommt bei der Zuordnung darauf an, welche Momente dir Energie geben und welche dich auf Dauer eher anstrengen. Letztere kannst du auch trotzdem genießen – nur halt nicht ständig. Wichtig ist am Ende ja auch nur deine persönliche Balance, nicht das Label.
      xx

  • Reply
    Silke
    13.11.17 at 17:09

    Schöner Beitrag! Ich mach mir dann erstmal ne Tasse Tee!

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