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Ein Wochenende in Stralsund

Stralsund Meerweh

Es liegt eine besondere Atmosphäre über Deutschlands Norden, besonders jetzt, wo die Tage wieder so kurz sind. Man kann den Spätherbst in Hamburg nicht unbedingt schön reden, erst recht nicht wenn man unter einem blauen Südhimmel aufgewachsen ist, aber man kann ihn greifen. Irgendwie passt das Düstere, Diesige dann doch hier her – es ist die Lightversion des tief verhangenen Himmels über Norwegen oder Island, der sich draußen bedrückend und im Haus umarmend anfühlt. Es ist ein Gefühl, das mich erst dann vollständig ergreift, wenn ich die große Stadt verlasse.

Ich war schon immer ein Fan von Kleinstädten. Die Stadt neben dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, nennt sich eine „große Kreisstadt“ und das war für mich schon immer die perfekte Steigerung zum Kaff: der Ort, an dem es alles gibt, was man braucht. Ich sage heute, dass ich „aus Stuttgart“ komme, dabei war ich dort im Schnitt alle zwei Monate für einen halben Tag. Weil es nicht nötig und dazu total anstrengend war. Ich liebe Städte, in denen man alles Wichtige zu Fuß erreichen kann – vielleicht laufe ich nur deshalb manchmal 45 Minuten durch Hamburg, um mir zu beweisen, dass die Stadt klein genug ist. Nachdem ich mir letztes Jahr Lübeck und im Sommer Lüneburg angesehen hatte und beides wunderschön fand, stand für ein Wochenende im späten September Stralsund auf dem Plan. Endlich mal wieder Meer sehen.

Stralsund an der Ostsee

Es ist das erste Wochenende, an dem uns der Wind richtig kalt um die Ohren pfeift und ich den Mantel, den ich letztes Jahr von meiner Mitbewohnerin geerbt habe, vom Dachboden hole. Die Ostsee wirkt dunkel und eiskalt. Ich hatte selten dieses Gefühl von Meerweh, aber hier spüre ich es wieder: wie sehr ich dem Wasser verbunden bin, was mir der Ozean bedeutet und wie tief mich das Meer berührt. Den Besuch im Ozeaneum schlage ich aus – die Tierhaltung im Becken will ich nicht unterstützen. Stattdessen bleibe ich noch ein bisschen am Steg und schaue den Booten zu.

Wenn ich mir die perfekte Auszeit vorstelle, dann so. Der nächste Morgen startet mit einem leckeren Frühstück, die Location nennt sich treffend „Eine gute Zeit„. Den Style aus Brooklyn importiert in eine kleine norddeutsche Stadt. Ich kann neue Orte entdecken, ohne mich zu hetzen; vielleicht einen Stadtbummel unternehmen, aber nur des Bummelns wegen. An der Kirche gibt es einen Aussichtsturm – die alten Holzleitern in den letzten Etagen sind ein bisschen abenteuerlich für meinen Geschmack, aber der Ausblick macht die weichen Knie wieder gut.

Das Leben scheint in Stralsund langsamer. Am hellen Samstag wird am Steg geangelt, nicht ohne das eine oder andere Bier, und abends verschwindet die gesamte Dorfjugend auf einen Schlag von der Straße. Alle gehen zur selben Party. Es gibt keine fancy Thai Restaurants und beim Dönermann zahlt man einen Zuschlag, wenn man später abends kommt. Auch der Italiener will schon abschließen, als wir um 21 Uhr gerade noch austrinken. Aber irgendwie braucht es das alles auch nicht – im AirBnB wartet ein echter Holzofen und eine Flasche Rotwein…

AirBnB Vintage

Fotos wie so oft mit Unterstützung von Johannes

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