Hamburg Personal

Begegnungen im kalten Hamburg

Hamburg im Winter

Es ist eine seltsame Mischung aus eisiger Kälte, Schnee und der ersten Sonne des Jahres, die Hamburg in der ersten Februarhälfte prägt. Es ist wie ein kleiner April im Winter, der sowohl „endlich schön“ als auch „bah, schon wieder“ dabei hat. Und ich habe das Gefühl, dass das mit den Leuten – und mit mir – etwas macht. Gut, schlecht, einfach nur anders als sonst? Drei Begegnungen der letzten Woche…

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London Heathrow, Terminal 2. Nach über einer Stunde Verspätung – das heißt wir landen knapp vor Schluss in Hamburg – stehe ich an einem von zwei Schaltern fürs Boarding. Meinen Ausweis hat der Angestellte schon entgegen genommen und auf seinen Tisch gelegt, bevor er mürrisch und ohne erkennbaren Grund mein Handgepäck ein Mal hoch hob. Und nichts sagte. Seit er vor drei Minuten einen Anruf wegen eines anderen Passagiers auf irgendeiner Bordliste bekam, sagt er genau genommen gar nichts mehr, hackt nur die Fingerspitzen in die Tastatur und ignoriert mich. Dass das Problem mit mir nichts zu tun hat? Nicht sein Problem! Während die andere Schlange beinahe komplett in Richtung Flugzeug verschwindet und hinter mir niemand mehr wartet, und er mir nur hin und wieder einen desinteressierten Blick zuwirft, frage ich mich, wie absichtlich er mich weiterhin stehen ließe, wenn ich ihn darauf anspräche. Nach zwei weiteren, quälenden Minuten tut es ein anderer. Ein älterer Mann hat sich von den übrigen Passagieren entfernt und fragt, was hier eigentlich los sei. Ob mit mir irgendwas nicht stimme, und wenn dem nicht so sei, ob es dann nicht vielleicht höflich wäre, mir zu sagen, dass ich mich auf der anderen Seite anstellen solle, weil man mich hier ja offenbar nicht boarden werde. „Just a question!!!“ Bevor ich mich bedanken kann, eilt er davon und lässt den Typen einfach stehen. Und ich muss ein bisschen lachen, über die pikierte Miene des Angestellten, aber vor allem über diese passive Aggression, die unter Hamburgern manchmal solidarisch ist.

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Ein Obdachloser steigt in die U2. Er ist jung, vielleicht erst zwanzig. Weiter komme ich nicht mir meiner Beobachtung, da steht er vor meinem Nebensitzer. Auf dreißig Zentimetern. Spricht ihn direkt an. Ob er ihm etwas geben würde. Endlich. Es ist ein zutiefst verzweifeltes Betteln, aber so ganz komplett nehme ich das erst jetzt wahr. In dem Moment, in dem ich da sitze, verstehe ich, dass der Mann neben mir sagt: „so nicht“. Und auch ich verneine. Das jetzt aufzuschreiben, ist wahnsinnig beschämend. Aber als ich da in meiner dicken Jacke sitze, den Rucksack noch auf dem Rücken, dieser fremde, fast schon aggressive Mann vor mir, bin ich zu sehr von ihm eingeschüchtert. Zu überrumpelt. Die Beschimpfungen und Verwünschungen, die er uns entgegen faucht, kann ich selbst dann verstehen.

Ich habe an dem Tag schon drei Mal an die Obdachlosen in Hamburg gedacht. Das sage ich mir später. Wie mies es für sie sein muss. Es ist ekelhaft kalt und ich habe meiner besten Freundin in einer Sprachnachricht vorgejammert, wie wenig ich das Klima zurzeit aushalten mag. Bei der halben Stunde, die ich draußen verbringe. Lächerlich. Hätte die Szene in der Bahn mit einer ganz normalen Ansprache begonnen und er wäre mir nicht so auf den Leib gerückt… ich hätte nicht nur etwas zu Essen rausgesucht, sondern auch ein bisschen Kleingeld. Auch das sage ich mir. Trotzdem schäme ich mich, als ich nur ein paar Minuten später die Tür zu meiner warmen Wohnung aufschließe.

Genauso, wie man sich fragen kann „Ist es meine Verantwortung, Menschen auf der Straße zu helfen?“, kann man sich auch fragen: „Ist es auch nur im Entferntesten mein Recht, diese Menschen erziehen zu wollen?“ Frei nach dem Motto: Guter Obdachloser, böser Obdachloser? Ich glaube kaum.

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Hamburg Begegnungen im Februar

Guten Morgen! Und was würde man einen guten Morgen nennen, wenn nicht einen, an dem man um 9 Uhr von einer wildfremden Person auf der Rolltreppe zum Jungfernstieg angepöbelt wird? Die Frau stellt sich links neben mich, einen halben Schritt hinter mir, schaut mich nicht richtig an, will aber trotzdem lautstark wissen, warum ich bei Amazon kaufe und ob ich denn eigentlich kein Gewissen hätte. Wieso man nicht lokal kaufe, das sei doch wieder ein Baum! In meinem Arm halte ich einen Amazon Karton.

Ich verwende den Karton wieder, um ein Paar Schuhe zu verschicken, das ich günstig auf Kleiderkreisel verkauft habe – um es nicht wegzuwerfen. Aber ihr das zu sagen, packe ich gar nicht. Ich hänge nämlich zum dritten Mal beim “Hallo!” und “Guten Morgen” fest, auf das sie mir partout keine Antwort geben will und auf das ich bestehe, wenn ich mit irgendwem in Diskussion treten soll. Auf die Frage, ob sie mir freundlich Guten Morgen sagen könnte, bevor sie mich anpöbelt, meint sie nur “nein, nein” und schaut weiter so geradeaus an mir vorbei wie ihre halb geschrienen Argumente, auf die sie eigentlich gar keine Antwort sucht. Erwachsen soll ich werden. Verantwortung übernehmen. Respekt haben. Als ich anmerke, „und Sie sollten sich ein wenig Höflichkeit aneignen“, schreit sie nur: “DU hast keine Höflichkeit für die Bäume!” und rennt davon.

Und da gehe ich die Treppe hoch in diesen sonnigen Tag, mit dem einen Karton in der Hand, der mich als Mensch gerade vollständig definiert hat, und frage mich, ob solche Leute nicht mindestens so sehr zum Problem beitragen, wie meine letzte Online-Bestellung…

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