Personal

Über den März und die Freiheit des Gehens

Stadt zu Fuß

Noch 45 Minuten. Wir gehen vom Karoviertel aus los, lieber so, als auf die Bahn zu warten und dann noch auf eine. Wie leicht es manchmal ist, mit jemandem zu reden, den man bisher kaum kennt. Wir umarmen uns flüchtig zum Abschied, ich setze die Kopfhörer ins Ohr und tappe zwei Mal auf den Button mit der Schleife. Noch 30 Minuten. Ich habe einen Song im Ohr. Die Luft in dieser Nacht kühlt mir den Kopf, ist genau richtig, und ich voll da.

„Übrigens genial, dass man in deiner ersten Sprachnachricht das klack, klack, klack deiner Schritte hört – und in der zweiten dann den Löffel in der Eisschüssel.“

Die Antwort meiner besten Freundin am nächsten Morgen – sie kennt das schon.

Dass ich mich am besten mit allem auseinandersetze, wenn ich unterwegs bin. Ihr dann meine Gedanken aufnehme, manchmal rante, oft über unser und die großen Fragen des Lebens nachdenke, von den Menschen schwärme, die hier das tun, was sie aus 700 Kilometern Entfernung jeden Tag macht: Alles besser.

Ich liebe es, zu Fuß zu gehen. Nicht nur, weil ich mir die 10.000 am Tag als faule Alternative zu echtem Sport schönrede und lieber das Tageslicht sehe als den U-Bahn-Tunnel. Es ist mehr. Ich habe immer ein Ziel, und so gehe ich auch. Jeder Schritt treibt mich voran, was ich denke, wie ich fühle. Ob ich es teile, mich mit anderen beschäftige oder wirklich nur ganz allein bei mir bin. Ich mag, dass das Alleinegehen eine so schöne Metapher hergibt. Es ist die kleinste, leichteste und vielleicht doch machtvollste Art, unabhängig zu sein.

„Ich geh jetzt.“
Sagt man so und macht man dann auch.

Ich bin auf nichts angewiesen als auf meine eigenen Beine und vielleicht noch diesen einen Song im Ohr. Ich muss auf niemanden warten, nicht einmal auf die U2, die nachts nur noch sporadisch fährt. Ich höre einen Podcast, passende Musik oder einfach nur die knisternde Stille. An diesem Ort zwischen Orten wird alles friedlich, heute Nacht einmal mehr.

Der März war ein kurzer Halt, obwohl es eigentlich losgehen sollte. Wir haben auf den Frühling gewartet und ihn doch – noch – nicht bekommen. Ich wollte ein paar Entscheidungen treffen, die am Ende vertagt werden mussten oder mir aus der Hand genommen wurden. Solche unerwarteten Plot Twists kann man als Hürden sehen, sogar als Katastrophe oder wenigstens als Urteil. Aber wenn alles logisch ist, oder eben nicht zu ändern, wenn keine Hätte, Wäre und Wenns zurückbleiben, dann kann ich auch nicht wütend sein. Dann ist es mehr so, als hätte das Leben mir einen Satz neuer Karten auf den Tisch geworfen, während ich irgendwie schon darauf gewartet habe.

Als ich gerade denke, der Song sei zuende, beginnt das Feuerwerk. Und in dem Moment bin ich so dankbar.

Für peinliche Umarmungen
Für Wein und Gefühlstalk, auch schon um 20 Uhr
Allein nach Hause gehen, aber nicht allein sein
Mein warmes Zuhause und die zweite Bettdecke
Für Stille, in der ich keine Angst haben muss
Den Anruf der Freundin, die es hasst zu telefonieren
Für „Gute Nacht“-Nachrichten
Die Sonnenstrahlen, die auf der Jacke wärmen
Für Brainmatching und heart to hearts
Die Magie, die in neuen Ideen steckt
Omahosen und Granny-Decken im Kino
Urlaubspläne und tausend Möglichkeiten

Dankbar, weil so wie so – alles gut ist.

Sun City Hamburg zu FußPommesliebe

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3 Kommentare

  • Reply
    Emma
    01.04.18 at 19:38

    Ich verstehe dich sowas von: Gehen ist meine tägliche Meditation.

  • Reply
    Missi
    02.04.18 at 16:26

    Ich liebe es, spazieren zu gehen oder generell unbekannte Städte und Straßen zu Fuß zu erkunden.
    Leider ist es bei uns in der Stadt schwer möglich, Dinge zu Fuß zu erreichen, da es von Zuhause aus dann doch zu weit ist.

  • Reply
    Felix
    04.04.18 at 11:01

    Ich kann deine Zeilen gut nachvollziehen. Ich bin ebenfalls sehr gerne zu Fuß unterwegs. Sowohl auf Städtereisen aber auch in meiner Heimatstadt in Dortmund. Am schönsten finde ich es, wenn ich einen Weg gehe und auch ein ungefähres Verständnis davon habe wo dieser Weg hinführt. Trotzdem gibt es immer wieder dieses Aha-Erlebnis à la „Ach hier führt dieser Weg hin“. Schön finde ich auch, dass es so viele Wege gibt die ich mit dem Auto gar nicht entdecken würde.

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