Wenn es um Bücher geht, gibt es zwei Arten von Menschen: die einen, die die Buchrücken umbiegen, sie in der Badewanne mit den nassen Fingern anfassen und am Schreibtisch wild darin herumkritzeln, und die anderen, die diese Menschen am liebsten schütteln würden. Wahrscheinlich erschrecke ich euch jetzt, wenn ich sage, dass ich zur ersten Gruppe gehöre. Ist leider so! Das mit den Buchrücken habe ich mir der Langlebigkeit halber zwar abgewöhnt, und in ästhetisch ansprechenden Exemplaren beschränke ich mich auf Bleistift statt Kugelschreiber und Textmarker. Aber im Grunde lese ich Bücher nicht einfach. Ich arbeite sie durch.

Mein Bleistift hilft mir, zu begreifen, zu hinterfragen und zu speichern. Selbst in Romanen gibt es diese Stellen, über die ich noch einmal nachdenken muss, während ich sie unterstreiche. Und die mich danach manchmal noch Monate oder sogar Jahre beschäftigen. Eines dieser Zitate ist “We accept the love we think we deserve” aus The Perks Of Being A Wallflower. Übrigens ein großartiges Buch, das ich seit zehn Jahren besitze und im Moment nicht weggeben würde. Dabei beinhaltet mein literarischer Fundus im Vergleich zu früher fast gar nichts mehr. Mit “gar nichts” meine ich etwa 25-30 Bücher, im Vergleich zu meinem beinahe deckenhohen, doppelreihig vollgestopften Regal aus der Studienzeit.

Minimalistisches Bücherregal

Und doch muss ich immer wieder zu diesem Restbestand gehen und nachsehen, ob noch alles relevant für mich ist. Die Bücher, die es nicht sind, rauben mir auf seltsame Art die Motivation, mich mit neuen auseinanderzusetzen. Ich kann gar nicht genau erklären, warum das so ist, aber ich habe es beobachtet: Erst, wenn ich alte Themen nicht nur im Kopf abgeschlossen habe, sondern auch ihre leergelesenen Hüllen aus dem Bücherregal verbannt habe, können mich neue Themen packen.

So wie zum Beispiel das Buch “Einfach leben – Der Guide für einen minimalistischen Lebensstil” von Lina Jachmann aus dem Knesebeck Verlag. Eine Anleitung für den Lifestyle, den ich seit mehreren Jahren zunehmend für mich entdecke und den ich selbst auf diesem Blog zum Hauptthema auserwählt habe, weil ich glaube, dass er auch das Leben anderer bereichern kann. Als ich zum ersten Mal von der Minimalismus-Enzyklopädie hörte, wusste ich sofort, dass ich sie lesen muss. Bis ich es tatsächlich angepackt habe, sind ein paar Wochen und ein paar alte Bücher ins Land gegangen. Aber das war auch okay so, weil es immer diesen einen Moment braucht, in dem man bereit ist.

Minimalismus: Das Rezept zum Glück?

Als ich das Buch endlich aufschlug, war da eine kribbelige Vorfreude. Eintauchen in mein Thema! Ich muss immer ein bisschen schmunzeln, wenn ich das Mantra lese, das mir auch hier sofort auf der ersten Seite, gepaart mit einem Bild von Maddie Alizadeh, entgegenspringt: “Collect moments not things”. 2012 oder 2013 hatte ich ein Blogprojekt zum Konsumstopp, das ich “Collect memories, not things” nannte, und das mich in meiner Reise sehr geprägt hat. Manchmal denkt man sich schon: Mensch, hätte ich das damals lauter erzählt – vielleicht stünde ich jetzt auf so einem abgedruckten Foto.

Collect moments not things Blogprojekt

Es soll natürlich nicht ums Vergleichen gehen. Es lässt sich aber einfach nicht vermeiden, dass man ein bisschen überkritisch ist, wenn man ein Buch über etwas liest, in dem man sich selbst gewissermaßen als Experte – oder zumindest als erfahren – betrachtet. Ich muss an dieser Stelle ehrlich sagen, dass die Einleitung mich nicht überzeugen konnte. Es geht darin viel zu sehr um Zahlen. Genauer gesagt: die Anzahl der Besitztümer. Dabei ist das Ausmisten von Gegenständen doch nur der Anfang – und selten der Punkt, an dem der Minimalismus als Lebensstil fertig gedacht ist und einfach “alle glücklicher macht” (ja, das steht da wirklich so).

“Wenn wir bewusst bei unserer persönlichen ‘Null’, der für uns richtigen Anzahl von Dingen, angekommen sind, haben wir den für uns perfekten Zustand erreicht. Statt überfordert und gestresst zu sein, können wir mit den Dingen, die wir besitzen, glücklich sein und müssen nicht mehr weitersuchen und optimieren.”

Der Minimalismus als Lösung für den Optimierungszwang einer gesamten Generation? Ist doch easy: Das Einzige, was wir dafür tun müssen, ist, uns auf eine bestimmte Anzahl von Besitztümern zu reduzieren, die uns dann für immer happy macht. Oh come on.

Spätestens an dieser Stelle bin ich verwirrt – und google die Autorin. Lina Jachmann ist Kreativdirektorin in einer Berliner Werbeagentur. Und das zieht mir kurz wirklich den Stecker, besonders, als ich dann noch auf der nächsten Seite eine relativ zusammenhangslose Ansammlung von halbwegs nichtssagenden Bildern entdecke, neben der das Wort “Moodboard” prangt. Kreativdirektorin schreibt Buch über gehypte Lifestyle-Strömung. Vielleicht keine Goldidee, aber doch eine recht verkaufsstarke. Schon auf Seite 14, die sich immerhin selbst nicht als Seite zählt, befürchte ich, dass ich mit diesem Werk weniger Geduld haben werde als der Durchschnittsleser, der kein Werber ist.

Einfach leben oder einfach vermarkten?

Ich meine das alles natürlich nicht persönlich. Ihr wisst ja, dass ich ebenfalls in einer Agentur arbeite – was mir einerseits einen Einblick in Marketingideen, gleichzeitig aber sicher auch ein gewisses Misstrauen verschafft. Vielleicht hat die Autorin sich in der Einleitung nur ein wenig in der plakativen und dadurch wenig facettenreichen Werbesprache verirrt. Eigentlich mag ich Werbetext und das klare Formulieren von Kreativideen, das wir auch intern in unserem Job brauchen, denn: Vieles wird einfacher, wenn man es einfach ausdrückt. Was ich an Werbung allerdings nicht leiden kann, ist, wenn sie versucht, Zusammenhänge, die nicht einfach sind, trotzdem gewaltsam auf eine einzige, heilsversprechende Botschaft herunterzubrechen, nur, weil das gut klingt und man damit ein Produkt verkaufen kann. In diesem Fall: Die Anleitung für das “einfache” Leben.

wild leben

Ist Minimalismus überhaupt einfach? Ich bin mir nicht sicher. Minimalismus ist auf jeden Fall facettenreich; es gibt nicht “den” Minimalismus. Und ob Minimalismus sich immer mit dem nostalgisch besetzten Begriff des “einfachen Lebens” deckt – das wage ich zu bezweifeln. Das “einfache Leben” ist in meinem Verständnis ein ländlich geprägtes, kritisch formuliert vielleicht sogar ein etwas rückwärtsgewandtes, was neue Technologien und Innovationsgeist angeht; es ist geprägt von Knappheit und einer Restriktion auf das Wesentliche, die nicht immer freiwillig ist. Ich finde nicht, dass man auf diese Art “einfach leben” muss, um sich Minimalist zu nennen. Und ich bezweifle, dass jeder, der so lebt, sich gerne diesen Lifestyle, der in seiner Neuinterpretation durchaus urban und hip ist, auf die Fahne schreiben will.

Immerhin überlässt die Autorin denen, die sich so nennen wollen, für den Hauptteil des Buches das Feld: Der Band “Einfach leben” will eigentlich gar keine Anleitung sein – obwohl er so heißt – sondern sich um “Inspiration, um Menschen und um ihre Geschichten, um Ideen, Produkte und Konzepte” drehen. Und ab da macht das Buch auch mir wieder Spaß. Denn eigentlich ist es eine Sammlung von Porträts minimalistisch und nachhaltig lebender Menschen und informativer Einschübe zu den Themen, die in den jeweiligen Interviews im Fokus stehen. Und die sind so wie der wirkliche Minimalismus fernab der viel zu vereinfachenden Einleitung: vielschichtig und anregend.

Neues von bekannten Gesichtern

Meine Befangenheit löst sich, als ich im Buch mehreren Vorbildern und flüchtigen Netzbekannten begegne: Jenny und David Mustard erzählen von ihrer minimalistischen Wohnung. Schon in diesem Interview sagt Jenny übrigens, dass es beim Minimalismus eben nicht um das Abzählen möglichst weniger Dinge geht, sondern um die Frage, ob man Dinge – materiell wie immateriell – braucht oder will. Auch Johanna Misfeldt von Mint und Meer zeigt ihre Wohnung, Justine Siegler spricht gemeinsam mit ihrem Freund über das Experiment Capsule Wardrobe. Juliana Holtzheimer und Anna Bronowski, die Frauen hinter Jan ‘n June, überraschen mit einer ungewöhnlichen Office-Story.

Inspirationsbuch Minimalismus

Mia Marjanovic spricht über ihren Fair Fashion Blog und YouTube-Channel heylilahey, die sie offenbar ganz lässig nebenberuflich auf die Beine stellt. Auch die Kleiderei-Gründerinnen sind dabei. Im Zero-Waste Kapitel kommen neben Original-Unverpackt-Gründerin Milena Glimbowski natürlich auch Shia und Hanno Su zu Wort. Auf dem Land haben Anna Schunck und Marcus Werner eine ganz besondere Homestory am Start. Und zu guter Letzt, absolut verdient – Madelaine Alizadeh aka Dariadaria. Man könnte jetzt denken: Oh nein, die kenne ich ja alle schon. Tatsächlich wurden es aber in fast jedem Porträt und jeder Homestory noch einmal neue und interessante Aussagen herausgearbeitet, die ich so noch nicht von denjenigen gelesen hatte.

Neben den bekannten Gesichtern des urbanen und hippen Bloggertums lernte ich noch ein paar weitere kennen; zum Beispiel Joachim Klöckner, den Mann mit den 50 Sachen und dem spannenden Vorschlag, wie man benachteiligte Menschen innerhalb der Gesellschaft neu motivieren müsste. Daneben ein freier Kreativer, der nur noch im Winter in der Stadt lebt – und sonst von seinem Wohnwagen am Wasser aus arbeitet. Eine Maskenbildnerin, die nur mit Naturkosmetik arbeitet und eine junge Familie, die das Gärtnern in der Großstadt als Ausgleich entdeckt hat. Es sind schöne Geschichten, und auch wenn manche an Stellen ein wenig zu glatt klingen – ich bin eben jemand, der bei allzu gebügelten Einstellungen schnell die Augen verdreht -, sind die Geschichten doch ziemlich authentisch. Ich habe beim Lesen viel mit dem Kopf genickt, oft mit einem bestätigten “sag ich doch immer!”. Aber auch, wer selbst noch keine Berührungspunkte mit einer Form des Minimalismus hatte, kann sich anhand dieser Erzählungen sicherlich in die Menschen einfühlen, die den Lebensstil für sich gewählt haben.

Wohnwagen Inspiration
Naturkosmetik Inspiration

Kreativer oder kommerzieller Minimalismus?

Was, wie fast immer beim Thema Minimalismus, ein bisschen fehlt, ist die Frage nach dem erzwungenen Minimalismus, also nach denen, die mit wenig Besitz leben müssen. Natürlich ist Minimalismus in der Form, in der wir ihn leben – nämlich bewusst und freiwillig – ein Privileg. Viele von euch haben den Aspekt auch schon bei meiner Kurzrezension zu Minimalism: A Documentary bemängelt. Ich kann diesen Einwand verstehen; er ist mir auch hier selbst wieder aufgefallen. Ich fände es schön, wenn der Fokus manchmal mehr auf “Glücklich sein mit kleinem Budget” liegen würde als auf “Ich trenne mich von meinen Besitz- aka Reichtümern”. Gleichzeitig kann ich aber damit leben, weil es beim bewussten Minimalismus eben nicht nur um Besitz und eine Verschiebung des Konsums weg von Quantität zu Qualität geht, sondern um eine generelle Geisteshaltung, die sich sehr wohl jeder leisten kann – weil jeder für sich interpretiert, wie weit er damit gehen kann und will. Sicher kann sich nicht jeder nebenbei einen Schrebergarten in Berlin leisten. Aber wer kreativ ist, findet auch immer eine günstigere Variante für diese perfekten, buchdruckreifen Ideen. Minimalismus kann für mich auch heißen, mangelnde Ressourcen kreativ umzudeuten.

Einfach leben – das ist nicht einfach. Es erfordert jede Menge Zeit und Auseinandersetzung mit dem Thema, es erfordert Vorbereitung und am Ende auch den Mut, alles umzukrempeln. So ein Fazit fehlt mir von der Autorin leider komplett – es gibt einfach gar kein Fazit. Vor einem eher wenig sagenden Typo-Ausblender “Sea You Soon” (Moodboard, again?) und einem Link-Glossar bildet Maddies Portrait das eigentliche Schlusslicht. Es trägt die Headline “Was wirklich wichtig ist”. Und vielleicht ist das ganz passend für einen Band, der Minimalismus als Lifestyle zusammenfassen soll. Es hat trotz meiner ziemlich kritischen Haltung wirklich Spaß gemacht, ihn zu lesen – und zu bearbeiten. Mein Bleistift hat einige Kreuze und unterstrichene Passagen hinterlassen, die mindestens noch einmal nachgeschlagen werden wollen. Neben den Porträts und Homestories sind es Link- und Produkttipps, denen ich nachgehen will. Denn auch die sind gut! Dass da auch ein paar Fragezeichen und gemischte Gefühle übrig bleiben, ist sicher gar nicht so schlimm. Nicht nur der “richtige” minimalistische Lebensstil, sondern auch das mit der persönlichen Meinung zur Interpretation der anderen ist eben manchmal ein Balanceakt.

Dariadaria Buch
sea you soon

Die objektive, konstruktive Stimme in meinem Kopf sagt: Der mit Inspiration angereicherte Hauptteil macht die etwas schwache Einleitung und das fehlende Fazit ganz gut wett. Die Porträts sind nicht nur ästhetisch hochwertig produziert, sondern auch inhaltlich solide und sympathisch – das ist natürlich die gemeinsame Arbeit der Autorin, der Fotografin und der Porträtierten. Das Buch ist am Ende ein schönes, inspiratives Nachschlagewerk, das zumindest für ein paar Jahre – vielleicht sogar darüber hinaus – aktuell bleiben wird.

Die kritische Stimme sagt weiterhin: “Eine Einleitung zu einem gehypten Thema schreiben und dann Experten sprechen lassen – das hätte ich auch gekonnt!”. Mit einem typischen Agenturkonter muss ich mir daraufhin allerdings auch selbst sagen: “Jo! Haste aber nicht gemacht!” Und die Ideen, auf die man ein bisschen neidisch ist, weil man sie gerne selbst gehabt hätte – nur vielleicht ein bisschen anders umgesetzt, weil halt jeder andere Vorstellungen hat -… liebe Lina Jachmann, du weißt ja: Das ist eigentlich ein kollegiales Schulterklopfen.

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Ich bedanke mich herzlich beim Knesebeck Verlag für das Rezensionsexemplar. Dass ich das Buch kostenfrei erhalten habe, beeinflusst wie immer – und wie man in diesem Fall vielleicht auch konkret bemerkt hat – nicht meine Meinung!