Minimalismus

2 Jahre Fair Fashion: Wie schwierig ist das eigentlich?

22.04.18
Fashion Revolution Week

Vor zwei Jahren habe ich mich entschieden, nie wieder Fast Fashion zu kaufen. Es war eine emotionale Entscheidung, die ich seither nicht bereut habe. Im Gegenteil: Kleidung nachhaltig zu konsumieren, ist eine Herzensangelegenheit, die für mich schnell selbstverständlich wurde und immernoch ist. Und trotzdem – nicht immer einfach. Wie hat sich mein Denken verändert? Und, noch viel wichtiger: Das in meinem Umfeld?

Nächste Woche ist Fashion Revolution Week. Und Facebook voll von Events in Hamburg. Screenings von The True Cost, Diskussionsrunden, Parties. Meine Freundinnen und Kolleginnen sind interessiert. Beim Kleidertausch treffe ich längst nicht mehr nur “die Ökos”, die der schnellen Mode komplett abgeschworen haben und am besten noch irgendwo darüber schreiben, sondern auch die, die sonst noch gerne bei Zara shoppen. Die einfach neugierig auf Alternativen sind. Freunde fragen mich nach fairen T-Shirts. Es geht voran.

Meine Freundin Petra trägt das Thema währenddessen beim SPIEGEL über Snapchat an die junge Zielgruppe heran. Tanja schreibt auf Blattgrün darüber, wie unwichtig es ist, ein typischer Fashionblogger zu sein, um über Mode zu sprechen. Weil Mode mehr sein muss als das Oberflächliche – und dieses Bewusstsein kommt immer mehr an. Es gibt noch viel zu tun. Es geht jeden etwas an. Und deshalb ist es für mich auch so wichtig, kein strenges Extrem zu predigen. Offen bleiben, zuhören, anregen – und auch selbst mal nicht perfekt sein.

2 Jahre Fair Fashion: Was gut lief.

Ich möchte mit dem Guten anfangen, mit dem, was mir in den letzten beiden Jahren gelungen ist.

Die Lust auf Fast Fashion, genauer gesagt auf das schnelle Einkaufen in stinkenden Läden mit viel zu lauter Musik, ist mir vergangen. Zu Beginn war es schwierig, nicht mal eben reinzugehen und zu schauen, was es Neues gibt – nach wenigen Monaten wurde es mir egal. Auch an SALE-Schildern kann ich jederzeit vorbeigehen.

Ich liebe meinen Kleiderschrank – das heißt, meine Kleiderstange und mein offenes Regal. Es gibt darin nichts mehr, das ich überhaupt nicht mag. Die fairen Teile sind mehr geworden, dazu kommen Stücke, die ich auf Kleiderkreisel ergattert oder auf Tauschparties gefunden habe. Für mich ist das nicht nostalgisch aufgeladen, sondern einfach selbstverständlich. Die Sachen müssen keine “Geschichte” haben. Meistens vergesse ich nämlich einfach, was Second Hand war. An manchen Tagen schaue ich irgendwann an mir runter und stelle fest, dass alles, was ich trage, fair produziert oder vom Wegwerfen gerettet wurde. Das ist ein unwahrscheinlich gutes Gefühl.

Fair Fashion Struggles

Nicht nur ethisch, sondern auch optisch fühle ich mich wohler in meiner zweiten Haut. Die Auseinandersetzung mit einer reduzierten Garderobe hat mir gezeigt, was ich wirklich mag. Ich glaube, dass ich jetzt einen viel erkennbareren Stil habe, als noch vor zwei Jahren. Dass der hauptsächlich aus grau, schwarz, Jeans besteht und meistens mit weißen Sneakers oder schlichten Boots getoppt wird? Finde ich total okay und wird mir nicht langweilig. Modische Extravaganz ist nicht mein Ding.

Und dennoch gibt es sie – die Ausrutscher, die Zweifel und die Momente, in denen ich mich ärgere.

2 Jahre Fair Fashion: Was nicht gut lief.

Ich habe mein Versprechen manchmal gebrochen. Ich denke oft in “Alles oder nichts”, aber die Suche nach kurzen Sportsocken gab ich irgendwann auf. Ich kaufte Unterhosen, ein Paar Sportschuhe und ein Sportoberteil. Alles konventionell. Ich finde nicht, dass ein paar kleine “Ausrutscher” die absolute Katastrophe sind und ich bestrafe mich nicht dafür, erst recht nicht, wenn es nicht aus Faulheit passiert, sondern mangels Alternativen. Aber wenn ich an der Kasse stehe und in Bar bezahle, weil ich nicht will, dass mein Name noch irgendwo im System dieses Konzerns auftaucht, dann weiß ich auch, dass ich das, was ich gerade mache, in Zukunft dringend bleiben lassen will.

Trotz allem kann ich nicht aufhören, Trends zu verfolgen. Ganz ehrlich als Uniform, oder einfach nur, weil mein Geschmack sich verändert und ich irgendwann Lust auf Neues bekomme. Aus Nachhaltigkeitsperspektive ist das absoluter, verwerflicher Schwachsinn. Aber manchmal freue ich mich, wenn etwas Altes abgetragen ist, weil ich denke, dass der Schnitt “so 2015” ist. Ich versuche, solche Gedanken zu moderieren – sie mir aber auch nicht zu verbieten. Es gibt einen Mittelweg. Bevor ich mir diese angesagten Sneakers hole, suche ich immernoch nach einer grünen Alternative, die ähnlich aussieht.

Vegane Schuhe: Nachhaltig und nach kurzer Zeit kaputt?

Am meisten geärgert habe ich mich über Qualitätsmängel. Es ist eigentlich logisch: Viele Labels sind so jung, oft werden sie von Menschen in meinem Alter gegründet, die Leidenschaft mitbringen, aber vielleicht einfach nicht die Erfahrung, die erkennen lässt, was lange hält. Sie verwenden neue Materialien und experimentieren. Dass hier Fehler passieren, ist klar. Aber wenn ich zwei Paar vegane Schuhe der gleichen Marke kaufe, und beide nach einer Saison kaputt sind, dann frage ich mich schon, ob Leder irgendwie, irgendwo eine Berechtigung als langlebiges Material hat. Sicherlich nicht in der Masse und der Art, in der es aktuell hergestellt wird. Aber Plastikschuhe, die man nach einer Saison wegwirft, helfen dem Planeten so überhaupt nicht. Es gibt noch viel zu verbessern.

Grüne Mode: Je hipper, desto teurer?

Es ist ein No Brainer, dass fair produzierte Ware ihren Preis hat. Auch “gute” Marken wollen darüber hinaus Geld verdienen. Beides finde ich gerechtfertigt. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass Fairness gerade so hip wird, dass man verlangen kann, was man will. Ein Pullover für 180 Euro, ein Bikini für 220, eine Jacke für 400? Für mich sind diese Preise undenkbar. Und das sage ich aus der Position eines jungen Singles, der nicht schlecht verdient, selten shoppt und außer einer kleinen Wohnung kaum finanzielle Verpflichtungen hat. Ich frage mich: Wie kann das sein und wie sollte es vor allem? Fair Fashion darf kein Luxusgut für gutverdienende Hipster sein. Auch wenn es ohnehin noch nachhaltiger ist, Second Hand zu kaufen – ich finde es schlecht, alle, die lieber keine getragenen Sachen kaufen, vor die Wahl zwischen Fast Fashion und Luxus Fashion zu stellen. Es muss noch mehr dazwischen geben.

Lasst uns alle Möglichkeiten, die es jetzt schon gibt, nutzen. Auf die nächsten 2 Jahre guten Konsums und jeden Versuch, der in diese Richtung geht!

Zu meiner Liste fairer Marken und Onlinestores

  • Reply
    Carolin
    23.04.18 at 15:09

    Ich muss zugeben, dass ich mich noch nie ernsthaft mit dem Thema Fair Fashion beschäftigt habe. Zwar achte ich schon ein wenig darauf, keine Billigmode zu kaufen, aber ich könnte definitiv noch mehr tun. Das verdrängt man manchmal gerne.

    • Reply
      Sabine
      23.04.18 at 16:04

      Liebe Carolin,
      der Preis allein sagt leider wenig aus 🙁 Oft fertigen die mittelteuren wie auch die Luxusmarken direkt neben den Billigheimern. Teilweise sogar in derselben Fabrik… Es ist nicht schlimm, wenn man sich (noch) nicht mit allem auseinandersetzt, aber wenn du etwas tun willst, schau dir doch mal die Liste fairer Labels an, die ich am Ende des Artikels verlinke. Da gibt es auch preiswerte Alternativen! Nur mehr zu bezahlen und zu hoffen, dass dadurch bessere Bedingungen garantiert werden, ist, wenn es dumm läuft, eine Verschwendung deines Geldes 🙁
      xx Sabine

  • Reply
    Miriam
    23.04.18 at 17:14

    Das kann ich absolut nachvollziehen! Es geht mir oft genau so und ich will mich nicht entscheiden müssen ob ich Fair Fashion als Luxusgut sehe oder nicht. Ich will mir auch nicht vorschreiben lassen, wie ich konsumiere, nur weil ich mir gewisse Preise nicht leisten kann oder will.
    Wir sollten an Alternativen feilen und faire Mode für jeden zugänglich machen 🙂 Jedenfalls ist das ein Ziel für die Zukunft und vielleicht schon für die nächsten zwei Jahre. 🙂
    Wie auch immer, Daumen hoch für deine tolle Einstellung! Liebe Grüße, Miriam

    • Reply
      Sabine
      25.04.18 at 11:08

      Liebe Miriam,
      vielen Dank für deinen Kommentar & den Einsatz!
      xx

  • Reply
    Miri
    27.04.18 at 13:55

    Dass du dich freust, wenn manche sehr alten Kleidungsstücke “endlich” abgetragen sind, deren Schnitt nicht mehr modern ist, kann ich gut nachvollziehen. Mir geht das mit manchen meiner Kleidungsstücken auch so. Gerade stehe ich so ein bisschen vor dem Hosen-Dilemma, weil meine alten Jeanshosen super knapp hüftig geschnitten sind und ich mittlerweile lieber Jeans trage, die höher gehen. Andererseits möchte ich die Jeans noch so lange wie irgendwie möglich tragen und habe auch momentan einfach nicht das Geld, sie durch Fair-Fashion-Jeans zu ersetzen.
    Übrigens, hast du mittlerweile eine gute Schuh-Alternative gefunden, die länger hält?

    Viele Grüße! 🙂

    • Reply
      Sabine
      27.04.18 at 16:57

      LIebe Miri,
      danke für den Kommentar! Das mit den Jeans kann ich gut nachvollziehen – die alten sind dann vielleicht noch gut, wenn man etwas längeres drüber trägt?
      Ich bin ziemlich zufrieden mit meinen Sneakers von Veja, die sind allerdings aus Leder.
      xx

  • Reply
    Link-Liebe im April 2018 | fraeulein-nebel.org
    01.05.18 at 15:34

    […] an die Hand bekommen habe!) halte ich das ähnlich – im April sinnierte Sabine nun drüber, ob das eigentlich schwierig war, faire Kleidung zu kaufen. Ich kaufe selbst seit.. anderthalb Jahren faire Kleidung und bin einmal wirklich schwach geworden […]

  • Reply
    Nilay
    01.05.18 at 19:00

    Ich finde deine Ansichten sehr inspirierend. Vor allem deine Ehrlichkeit hat mir an diesem Beitrag sehr gefallen. Ich beschäftige mich erst ganz frisch mit dem Thema Fair Fashion und mache es mir momentan noch viel zu einfach. Ich versuche so wenig wie möglich zu konsumieren, und nur wirklich das zu kaufen, was ich auch wirklich brauche. Irgendwie tragen sich bei mir Schuhe immer schon nach einer Saison ab, weil ich die dann wirklich meistens komplett durchtrage und wenige Alternativen habe. Mal schauen, ob ich im Bereich Fair Fashion tolle Sommerschuhe finde. Ich will da auf alle Fälle an mir arbeiten. Danke für deinen Einblick!

    • Reply
      Sabine
      02.05.18 at 17:56

      Danke für die lieben Worte, Nilay!
      Das Problem mit den schnell abgetragenen Schuhen kenne ich tatsächlich – vielleicht ist das aber auch natürlich, wenn man eben nur 1-3 Paar trägt, während andere den Schrank voll haben und mehr durchwechseln? 🙂
      xx

  • Reply
    Das war mein April 2018 - Himmelsblau.org
    07.05.18 at 08:02

    […] Kulinarisch gibt es bei Ina eine Sushi Bowl, die Kochmädchen machen selbst Fleischsalat, im Puppenzimmer wird eine Schmandtarte mit Erdbeeren gebacken und Jeanny zaubert kleine Rhabarber Tartes und Zitronenkuchen. Die Designerblogs zeigen schicke Schriftarten, Carina gibt Tipps für Sightseeing in Hamburg und Sabine rekapituliert 2 Jahre Fair Fashion. […]

  • Reply
    Nette
    19.06.18 at 08:28

    Nachhaltige und fair produzierte Mode interessiert mich schon seit mehreren Jahren – nicht so intensiv, eher situativ (ich brauche eine neue Jacke? Guck doch mal, ob du die nicht auch “fair” findest). Leider finde ich die meisten Kleidungsstücke nicht in der “Öko-Mode” Ecke: eine echte Kleidergröße 50/52, dazu für eine Frau ungewöhnlich groß – der konventionelle Modemarkt hat uns gerade erst in den letzten Jahren als Zielgrppe aufgetan, im Fairtrade/Öko-Bereich ist das absolute Mangelware (also, das Label “50” steht dran, ist aber leider selten wirklich so groß…) Dazu kommen, wie du auch schon schreibst, die teilweise sehr hohen Preise…
    Es ist noch viel zu tun in dem Bereich und ich werde auch weiterhin immer wieder gucken, ob nicht auch für mich ein Schätzchen zu finden ist!

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