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Bücher 2018 | #01: Große Ideen, große Liebe und digitale Zukunft

Buchhandlungen. Schon immer ein magischer Ort für mich, vielleicht sogar noch mehr als Bibliotheken, die in der Realität halbwegs wenig mit der romantischen Vorstellung von altehrwürdigen Gebäuden im Hogwarts-Look zu tun haben. Buchhandlungen riechen gut, sie beherbergen ganze Welten und so wie andere den Kollektionswechsel auf der High Street feiern, feiere ich neue Bücher. Nicht, dass ich furchtbar viele davon lese – zumindest nicht in den letzten zwei, drei Jahren. Dass sich das unbedingt wieder ändern muss, habe ich nicht erst erkannt, als ich Anfang Februar staunend bei Daunt Books stand. Bekräftigt hat mich unser Bücher-Sightseeing aber definitiv. 2018 bin ich wieder voll dabei! Hier ist der erste Schwung, den ich gelesen, gehört oder liegen gelassen habe…

Die Bewertungsskala, die aus schlichten drei Schritten besteht – (-) für nicht gut, (+/-) für okay, (+) für gut – habe ich von Petra, die in diesem Beitrag alle ihre Bücher aus 2017 auflistet. Romane

The Terranauts – T.C. Boyle (-)

Acht Menschen leben für zwei Jahre in einem alternativen, geschlossenen Ökosystem auf der Erde, um die Wissenschaft voranzutreiben. Und die Weltöffentlichkeit schaut zu.

Ich weiß gar nicht, ob ich sagen will, dass das Buch nicht gut ist. Ich denke, ich hatte einfach falsche Erwartungen. Jenni hat es schon ganz gut formuliert: Auch mich erinnerte der Plot mehr an triviale Beobachtung à la Big Brother als an eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Idee einer futuristischen Ökosphäre. Und dafür war es mir dann gleichzeitig nicht leicht genug erzählt, so dass ich das Buch nach einem Drittel – für das ich Wochen brauchte – weg legte.

Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran – Eric-Emmanuel Schmitt (+/-)

Kindlich erzählte Coming-of-Age Story eines jüdischen Jungen, der sich in seiner Pariser Straße mit “dem Araber an der Ecke” anfreundet.

Ein sehr schnelles, kleines (Hör-)Buch für zwischendurch, das mich an der einen oder anderen Stelle schmunzeln ließ, am Ende jedoch recht stereotyp bleibt.

Daunt Books LondonDaunt book store London

Eine Billion Dollar – Andreas Eschbach (+/-)

Ein durchschnittlicher amerikanischer Mann erbt eine Billion Dollar – mitsamt der Prophezeiung, dass er damit die Menschheit retten wird.

Ich kann nur sagen: Hörbücher an die Macht! Ich liebe sie sowieso, weil ich dank ihnen bestimmt doppelt so viele Bücher im Jahr schaffe. Aber das hier – hätte ich in fünf nicht geschafft zu lesen. Der Gedanke ist wirklich spannend, aber wieso man ihn unter so endlos zäher Handlung und großväterlicher Erzählweise begraben muss, ohne dabei je wirklich philosophisch zu werden, hat sich mir nicht erklärt. Wer also viel Geduld und ein paar ruhige Sonntage hat, kann sich die 308 Kapitel bei Spotify anhören.

The Only Story – Julian Barnes (+)

Ein alter Mann schaut zurück auf die eine Liebesgeschichte, die ihn für immer geprägt hat: das Verhältnis mit einer sehr viel älteren Frau, das begann, als er gerade neunzehn war. Über Jahrzehnte hinweg entschlüsselt er die Bedeutung und die Bedingungen der Liebe, revidiert oder re-evaluiert alles, was er jemals über sie – und über die Person, die seine Geschichte ausmacht – dachte.

Ich musste mir bei Hatchard in London nicht grundlos unbedingt die signierte Ausgabe holen, obwohl ich die normale schon gekauft hatte… Julian Barnes bleibt für mich auch mit seinem neuen Roman ein ganz besonderer Autor und ich freue mich, das Werk in meine kleine Sammlung einzureihen. Barnes beobachtet Menschen ohne spektakuläres Setting oder rasante Plot Twists. Stattdessen schafft er Charaktere, die leben. So sehr sie einen im ersten Augenblick anziehen, irritieren sie auch im Verlauf der Geschichte. Und das macht sie umso glaubwürdiger. The Only Story fesselt auf leise Weise, mit einer alltäglichen Dramatik, die dieses leicht beklemmende Gefühl im Nacken hinterlässt, das ich bei Büchern besonders mag. Weil es bedeutet, dass ich die Gedanken des Autors noch verarbeite…

The Only StoryJulian Barnes Signature

Fachbücher für UX Designer und Interessierte

Obwohl ich eingangs über sie lästerte, habe ich mich im letzten Jahr wieder mit ihr angefreundet: Die Bibliothek! Nicht nur für nachhaltiges, sondern besonders für berufliches Lesen ist sie trotz ihrer frappierenden Hässlichkeit einfach die perfekte Lösung. In unserer Branche weiß man nie so genau, ob ein Buch noch aktuell ist oder mehr Erkenntnis bringt als das gemeine Youtube-Tutorial. Deshalb ist es genial, es nicht (sofort) für viel Geld zu kaufen, sondern es einfach auszuleihen und die wichtigsten Learnings rauszuschreiben. Merke: Beim nächsten Mal nicht gleich fünf Bücher gleichzeitig holen…

The Best Interface is No Interface – Golden Krishna (+)

Ich finde, absolut jeder UX- oder UI-Designer sollte dieses Buch lesen. Und auch für alle anderen, die hin und wieder von Notebooks und Smartphones frustriert sind oder sich eine Auszeit von ihnen wünschen, ohne dabei ein Aussteigerdasein im Wald führen zu müssen, ist es eine Quelle der Hoffnung. Allein das plakative Sezieren gängiger Design-Techniken wäre Unterhaltung genug. Golden Krishna spricht deutlich an, was bei aktuellen Interfaces falsch läuft – und macht Lust auf eine digitale Zukunft mit weniger Screentime und mehr smarten Lösungen. It’s your turn, designers!

VideoHier könnt ihr euch den dazugehörigen Talk ansehen.

The Design of Everyday Things – Don Norman (+)

Ein Klassiker für Designer, UX Geeks, Informationsarchitekten und alle, die die Beziehung zwischen der menschlichen Psyche und der Bedienung von technischen Objekten interessant finden. Das Buch des Usability-Urgesteins ist eher fundamental als unterhaltsam, einzelne Kapitel können auch mal quergelesen werden. Dennoch fand ich es leicht verständlich und voller spannender Insights und Anregungen für gutes (Interface) Design.

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6 Kommentare

  • Reply
    Kati
    20.02.18 at 15:16

    Ach toll, ich liebe solche “schnellen” Buch-Posts! Danke für dein Einblick in deine Leseliste 🙂 Bei T.C. Boyle schließe ich mich nahtlos an, hatte mir da sehr viel mehr von versprochen, und du bist auch schon die Dritte, die gleicher Ansicht ist… für Dystopien liebe ich hingegen Eschbach, von dem ich so gut wie alles gelesen oder eben auch gehört habe – mein absoluter Favorit ist “Herr aller Dinge”.
    Ich lese gerade Atwoods “Hexenbrut” und habe darüber das Shakespeare-Projekt entdeckt, welches ich sehr spannend finde, und “Die grüne Lüge”.

    Liebe Grüße,
    Kati

    • Reply
      Sabine
      22.02.18 at 17:58

      Krass, ich habe gerade mal das Shakespeare Projekt gegoogelt und bin begeistert! Ich konnte mich ja trotz Anglistik-Studium nie mit dem alten Kram anfreunden, aber wenn es so läuft wie bei der BBC Version von Sherlock, dann könnte das echt was für mich sein! Danke für den Tipp 🙂
      xx

  • Reply
    Alina
    20.02.18 at 17:21

    Sehr interessante Bücher und schön gleich so komprimiert deine Meinung dazu zu hören. Ich lese momentan eher Liebesromane zur Entspannung 🙂
    Liebe Grüße
    Alina

  • Reply
    Pascale
    22.02.18 at 14:45

    Danke für die Buchtipps! ich finde es toll, dass du auch Fachbücher für UX empfiehlst 🙂 ich habe dieses Jahr mit The Design of Everyday Things begonnen. Finde ich sehr spannend aber mehr um ab und zu reinzulesen. Weiter habe ich Wie wir lieben, Vom Ende der Monogamie gelesen. Sehr, sehr aufschlussreich und wirklich hochspannend! Dann noch den Roman Montecristo von Martin Suter. Ich liebe seinen Schreibstil und auch dieses Buch habe ich verschlungen.

    Liebe Grüsse
    Pascale

    • Reply
      Sabine
      22.02.18 at 17:54

      Oh, “Wie wir lieben” steht bei mir auch ganz weit oben auf der Wunschliste 🙂 Echt ein spannendes Thema. Von Martin Suter mochte ich “Die Zeit, die Zeit”.
      xx

  • Reply
    Christiane
    23.02.18 at 09:06

    Uh. Ich hatte die letzten Wochen überlegt, wie ich auf meinem Blog Bücher kurz, knapp, bündig vorstellen kann. Ich finde sowas besser als lange Rezensionen. Daher finde ich es von dir gut umgesetzt.

    Weiter so 🙂

    (Ps.: Leider ist keins der Bücher in dem derzeitig von mir bevorzugten Genre)

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