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Bücher 2018 #02: Angst, Liebe, Sucht und Feminismus in der Generation Y

24.09.18
Generation Y Liebe

Endlich! Meine Sommerferien zwischen zwei Jobs habe ich nicht nur dazu genutzt, mich in richtig viele Bücher und Hörbücher zu vertiefen, sondern auch dazu, eine schnelle Review zu den Büchern aus der ersten Jahreshälfte zu schreiben. Hier also Teil eins, zwar schon der zweite Bücherpost in diesem Jahr, aber zum nächsten wird der Abstand sicher kürzer.

Untenrum frei – Margarete Stokowski (+)

“Wir können untenrum nicht frei sein, wenn wir obenrum nicht frei sind. Und andersrum. Das ist die zentrale Aussage dieses Buches. Es geht um die kleinen, schmutzigen Dinge, über die man lieber nicht redet, weil sie peinlich werden könnten, und um die großen Machtfragen, über die man lieber auch nicht redet, weil vieles so unveränderlich erscheint. Es geht darum, wie die Freiheit im Kleinen mit der Freiheit im Großen zusammenhängt, und am Ende wird sich zeigen: Es ist dieselbe.”

Dass ausgerechnet Margarete Stokowskis SPIEGEL-Kolumne so zuverlässig die Trolle in die Facebook-Kommentarthreads zieht, konnte ich noch nie so ganz verstehen. Und ihr Buch hat meinen Eindruck bestätigt: Ihre Definition von Feminismus und ihre Gedanken zur Gleichberechtigung sind für mich mindestens nachvollziehbar, in großen Teilen absolut vernünftig. Ein Lieblingszitat von vielen, hier zu klassischen Rollenbildern: “Aber: Alles ist schöner, wenn es freiwillig ist und bewusst selbst gewählt, und dazu muss man die Alternativen zumindest kennen.”

Wie wir lieben: Vom Ende der Monogamie – Friedemann Karig (+)

Glücklich monogam zu leben, ist für die meisten Menschen eher utopisch, weil es nicht ihrer Natur entspricht – das wäre die Ausgangsthese. Aber was sind die Alternativen und welches Modell funktioniert letztendlich?

Vielleicht das ungewöhnlichste Buch in der Liste, nicht nur inhaltlich: Es liest sich ein wenig wie eine Themenausgabe der Süddeutschen, ein Dossier, eine Abhandlung in Sach- und Erzähltexten. Der Titel wirkt um Einiges rotziger als der Inhalt, und genau das fand ich gut: Dass im Buch durchaus differenziert wird und es wie in der Liebe zwar zig Ansätze und (Gedanken-)Experimente, aber keine one-size-fits-all-Lösung gibt.

Generation Y Angststörungen

Turtles All The Way Down – John Green (+/-)

Wieder ein etwas anderer Jugendroman von John Green: Neben den ganz normalen Teenage Struggles kämpft die Protagonistin Aza nach dem Tod ihres Vaters mit Angst- und Zwangsstörungen. Als der Vater eines alten Freundes verschwindet, beschließt ihre beste Freundin Daisy, dass die beiden sich die Hunderttausend-Dollar-Belohnung holen werden.

Ich bleibe Fan von John Green, seinen Charakterzeichnungen, den Abenteuern in seinen Erzählungen und wie er dabei immer wieder ungewöhnliche Perspektiven aufgreift. Zwar fand ich, dass Turtles All The Way Down erzählerisch und thematisch nicht an Looking for Alaska oder The Fault In Our Stars heranreicht. Ehrlicherweise ist das aber auch ein schwieriger Maßstab und gerade das alltäglichere Erleben macht diesen Roman aus.

Rattatam mein Herz. Vom Leben mit der Angst – Franziska Seyboldt (-)

Franziska Seyboldt leidet seit vielen Jahren an Angststörungen und erzählt von ihrem Weg, damit umzugehen.

Ich finde es wichtig, dass mental health Themen enttabuisiert werden und habe deshalb größten Respekt davor, dass die Autorin über ihre Erfahrungen mit der Angst schreibt. Besonders klar wird dabei die Bedeutung für den Alltag. Mir hat das Buch trotzdem nicht so gut gefallen, weil sich für mich kein Fazit ergab und weil ich nichts mit dem Stilmittel der personifizierten Angst anfangen konnte.

Super, und dir? – Kathrin Weßling (+)

Drogensucht sieht aus wie in Trainspotting. Oder? Kathrin Weßlings Protogonistin kämpft doch nur ein bisschen mit den Phänomenen, die wir alle kennen: Leistungsdruck, Glückszwang, Perfektionismus, Feierkultur… auf Nachfragen, wie es ihr geht, antwortet sie deshalb auch: “Super, und dir?”

Das Subtile wird in diesem Roman zum Gruseligen. Die Abwärtsspirale, die sich bis zu einem recht fortgeschrittenen Punkt noch anhört wie eine Anekdote aus einem durchschnittlichen, stereotypen Millennial-Leben in Berlin. Ist doch alles kein Problem…

Was empfehlt ihr für den Herbst?

  • Reply
    Verena
    25.09.18 at 15:13

    “Rattatam mein Herz” habe ich gelesen und für gut befunden. Gerade die Personifizierung der Angst hat mir gefallen. Sich als Betroffener die Angst als etwas Konkretes vorzustellen, kann helfen, mit ihr umzugehen. Meine Therapeutin hatte mir damals von einem Patienten erzählt, der seine Angst in ein Paket steckte und das Paket dann zumachte, sodass die Angst nicht mehr raus konnte.

    Kennst du “Befreit” (der Originaltitel ist “Educated”) von Tara Westover? Vielleicht ist das ja ein Buch für dich. Das Buch ist die Biografie der als Mormonin aufgewachsenen Autorin. Allerdings steht das Mormonentum eher im Hintergrund. Der Vater traut der Regierung nicht (Stichwort Verschwörungstheorien) und nur ich glaube 2 der 7 Kinder sind mal zur Schule gegangen. Tara Westover selber wurde zuhause (mehr schlecht als recht) unterrichtet, aber ihr waren viele Dinge nicht bekannt (z.B. der Holocaust). Ist ganz interessant!

    • Reply
      Sabine
      26.09.18 at 11:00

      Spannend, danke für den Input! Vielleicht war das für sie auch ein Werkzeug, um damit umzugehen. Das kam für mich als Nicht-Betroffene nur einfach nicht rüber, weil sie es, soweit ich mich erinnere, nicht erklärt hat.
      Dein Buchtipp klingt sehr interessant, schaue ich mir mal an!
      Liebe Grüße

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