Personal

Über den Januar und die Distanz vom Müssen

26.01.18
Januargedanken

“Januar”, das ist nicht erst seit 2018 ein Synonym für “Neustart”. In die Liste verwandter Begriffe würden wahrscheinlich “motiviert” oder “energiegeladen” fallen. Entscheidungen aus dem Vorjahr werden endlich angepackt und in den Alltag integriert, Chancen müssen jetzt ergriffen werden. Nie hat man so viele! Überhaupt kann man nie besser anfangen, besser zu werden, als im Januar. Ihgitt, hat hier schon wieder irgendwer “Selbstoptimierung” gesagt?

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Ich habe 2018 langsam gestartet. Nicht mit angezogener Handbremse, aber ganz bewusst ohne den Stress, den man sich im Januar sonst immer macht. Ich habe mich nach und nach von allem distanziert, was man muss. Gute Vorsätze einhalten zum Beispiel. Es ist überhaupt nicht leicht, sich dem zu entziehen – die ersten fünfzehn Tage, an denen meine beste Freundin mir von dem Yogaprogramm erzählte, das sie jetzt jeden Tag durchzog, fühlte ich mich abwechselnd motiviert und dann wieder schlecht, weil ich immernoch nicht mit eingestiegen war. Bis ich in mich hineinhörte und spürte: Ich habe im Moment überhaupt keine Lust, mich zu Sport und gesunder Ernährung und drei anderen Sachen gleichzeitig zu zwingen. Meinem Blog ein neues Konzept oder Nichtkonzept überzustülpen, Entscheidungen zu treffen, noch mehr Video Tutorials, noch mehr Podcasts, nur ein bisschen Coaching.

Ich habe meine Energie stattdessen in etwas kanalisiert, das man viel zu oft als lästige Pflicht abtut und deshalb gar nicht richtig in den Energiehaushalt zählt: Meinen Job. Und das hat gereicht, weil es oft schon genug zu tun ist, auch wenn diese Einsicht nicht leicht fällt. Zu der Ruhe, die ich jetzt am Ende des Monats spüre, muss ich mich täglich ermahnen. Manchmal vergesse ich ein bisschen, wie sich intrinsische Motivation anfühlt, also auch, wann sie es gar nicht ist. Wann es sich lohnt, dem Ruf zu folgen und wann der innere Wunsch mich mehr unter Druck setzt, als er am Ende bewirkt. Besonders mit meinen persönlichen Bemühungen für eine bessere, fairere und nachhaltigere Welt ging es mir in letzter Zeit so, dass ich mich manchmal von mir selbst gedrängt fühlte, mich dafür abhetzte und doch irgendwie nicht anders konnte. Es fühlt sich nun einmal wichtig an, es richtig zu machen.

Bloß keine tierischen Produkte essen. Bitte kein Plastikmüll heute. Nein, das kann ich doch nicht kaufen. Diese Art von Selbstoptimierung mag für die Welt sinnvoller sein als die Optimierung durch weiteren Konsum und materielle Statussymbole, aber ich reibe mich an ihr manchmal genauso auf. Zufrieden ist, wer nach seinen Werten handelt, aber es bringt mir auch nicht viel, wenn mein Handeln ganz realistisch so wenig Effekt hat, dass ich meinen Werten nie vollkommen gerecht werden kann. Das macht nicht zufrieden, vielleicht nicht einmal authentisch. Ob das zynisch ist? Ich habe an der Stelle einfach ein wenig pausiert, um mir klar zu werden, was sich lohnt und was nicht. Und je ruhiger ich bin, je weniger ich mich zwinge, desto mehr funktioniert auch wieder automatisch. Fließend.

Und seit ich so bin – nicht immer, aber öfter -, fällt meine Aufmerksamkeit auch wieder auf andere Dinge. Ich fühle mich angekommen. Seit über zwei Jahren bin ich in Hamburg zuhause, fühlte mich nie fremd, aber es war wie ein sehr langer fling, ziemlich aufregend und immer wieder bestätigend, aber verwurzelt habe ich mich erst im letzten Jahr. So langsam das Gefühl, nicht nur absichtlich hier her zu gehören. Es war eine schleichende Entwicklung, und sie war mir oft bewusst, aber im Januar hat sie mich noch einmal getroffen. Ich bin dankbar für mein Zuhause, für Freunde mit denen ich unbeschwert sein und meine Comfort Zone verlassen kann, für Freunde mit denen ich bei Wein oder Tee sitzend philosophieren kann, und dass ich mich in keiner dieser Situationen fragen muss, ob ich richtig bin. Jederzeit jemanden anrufen können – aber nicht müssen.

Ihr merkt: Nichts müssen ist für alles ein guter Anfang. Auch für 2018.

Und mit diesem Mindset fliege ich morgen auch nach London. Ich muss mich dort nicht zum Sandwichessen zwingen oder vom Einkaufen abhalten, muss keine Stationen abklappern nach denen ich mich nicht fühle. Ich muss noch nicht einmal neun Tage lang over the moon sein, auch wenn ich sicherlich jeden Grund dazu hätte. Ich lasse einfach zu, was passiert, weil ich auf London vertraue. Immer. Und vielleicht ist das auch ein Grund, warum der Januar so langsam war. Ich habe vier Jahre gewartet, um endlich wieder dort zu sein, und nie so sehr wie in den letzten Tagen.

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  • Reply
    Annika
    27.01.18 at 08:14

    Love it!! So ein guter Januar Post – keine Motivation und trotzdem ALLE Motivation. Danke!!

  • Reply
    Desirée
    28.01.18 at 12:17

    Ja… die Sache mit der Selbstoptimierung und dem Ziele setzen. Ich habe darüber Anfang des Jahres auch nachgedacht. Habe da aber noch nicht so richtig meinen Weg zu gefunden. Ein sehr schön geschriebener Artikel auf jeden Fall.

    Liebe Grüße
    Desirée

  • Reply
    Dominique
    28.01.18 at 12:56

    Ein wundervoller Text mit schönen Bildern und einer noch schöneren Botschaft. Danke dafür, Sabine! Ich wünsche dir ganz viel Spaß in London.

    Alles Liebe
    Dominique

  • Reply
    Alina
    28.01.18 at 16:08

    Ich kann mich so gut damit identifzieren, dass man manchmal so zwanghaft nach seinen Werten agieren will, dass es zu viel Druck macht. Ein super interessanter Post

  • Reply
    Nadine | Entspannte Ordnung
    29.01.18 at 20:52

    Wieder einmal ein sehr schöner Beitrag! Danke dafür

  • Reply
    Nancy
    05.02.18 at 16:12

    Hallo Sabine,
    Dein Beitrag hat mich zum Nachdenken gebracht. Danke.
    Habe eine sonnige Woche.
    Liebe Grüße
    Nancy 🙂

  • Reply
    Das war mein Januar 2018 - Himmelsblau.org
    07.02.18 at 09:02

    […] wie man sein Pinterest optimiert, Carina gibt Tipps zum Joggen im Winter und Sabine denkt über die Notwendigkeit von Neujahrsvorsätzen nach. Alles sehr […]

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