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Nachhaltigkeit statt Hass: meine neue Beziehung zur Bahn

19.09.18
Vorteile der Bahn zum Fliegen

Es macht so Spaß, sich über sie aufzuregen: Sie ist meistens zu spät, die Klimaanlage funktioniert nicht, der Schnee im Januar überrascht immer wieder und die Umstiege sind so beknackt kalkuliert, dass selbst ich mit meinem ambitionierten Schritt sie kaum schaffe. Ich kann mich an mehrere Situationen erinnern, in denen ich mit Kontrolleuren diskutiert, mich im Reisezentrum beschwert oder mich von unterwegs in endlosen WhatsApp-Tiraden darüber ergangen habe, wie schlimm schon wieder alles ist. In meiner Theorie entstehen auf deutschen Bahnstrecken mehr Gespräche als auf dem Oktoberfest: hier gibt es nämlich endlich einen gemeinsamen Grund, zu meckern. Der Hass auf die Bahn ist ein Hobby.

Was ich in der Vergangenheit oft verdrängt habe, ist, dass andere Arten, von A nach B zu kommen, im Schnitt nicht besser sind.

Die Verspätungen der Bahn bewegen sich oft im einstelligen Minutenbereich, während man im Flughafenterminal nicht selten eine Stunde und mehr wartet. Bei längeren Autofahrten liegen meistens Staus und Baustellen auf dem Weg. Ein Flughafen ist von den meisten Orten aus schwerer zu erreichen als der nächste Bahnhof. Und: Eine Reise mit der Bahn spart im Vergleich zum Auto schon richtig viel CO2, im Vergleich zum Flugzeug ist die Auswirkung auf das Klima praktisch nicht vorhanden. Das letzte Argument macht die Bahn weder sexier, noch bequemer. Aber es ist das wichtigste Argument.

Ich weiß, dass es nachhaltiger ist, wenn ich Bahn fahre und möchte es in Zukunft fast ausschließlich tun, wenn es irgendwie geht. Deshalb habe ich mich entschieden, es nicht mehr zu hassen. Es hilft mir selbst, wenn ich mir das Zugfahren nicht schlechter rede als es ist. Ansonsten passiert es, dass ich weiterhin Flüge von Hamburg nach Stuttgart vor mir selbst rechtfertige – und mich danach schäme.

Während ich mir den ICE in den letzten drei Jahren fast nur noch zu Ostern oder Weihnachten ausgesucht habe, habe ich das europäische Netz diesen Sommer drei Wochen lang ausgenutzt: Ich bin von Hamburg nach Wien, von Wien nach Ljubljana, von Ljubljana nach Salzburg, von Salzburg nach Stuttgart und von Stuttgart zurück nach Hamburg gefahren. Und – die Bahn ist wirklich nicht so scheiße.

Schienenverkehr Deutschland nachhaltigVorteile beim Bahn fahren

Fast jede meiner Zugreisen fängt gut an: Meine Wohnung trennen keine 20 Minuten von einem der größten deutschen Bahnhöfe. Das macht zumindest das Wegkommen und das Heimkommen praktisch. Bis ich am 40 Minuten entfernten Flughafen bin, es durch den Securitycheck schaffe, dann nochmal meine Trinkflasche auffülle und aufs Boarding warte; bis ich einsteige, später auf dem Rollfeld stehe, weil wir natürlich wieder einmal den winzigen Abflugslot verpasst haben – bin ich mit der Bahn auch schon in Kassel.

Die Zeitersparnis durchs Fliegen ist eine Illusion, auf die ich selbst auch immer wieder reinfalle, denn: Auf den Buchungen steht immer nur die Fahrt- oder Flugzeit, nie die Vorlaufzeit. Dass die Zielflughäfen oft außerhalb der Stadt liegen, während der ICE direkt ins Zentrum fährt, kommt dazu.

Es geht weiter mit den Gepäckbestimmungen, die so einfach sind wie sonst nirgends: Das einzige Kriterium ist, dass ich meine Sachen selbst tragen und in der Ablage verstauen kann. Weder packe ich also wahllos zu viel in den Kofferraum, noch fragt mich jemand, welche Kosmetika ich in der Tasche habe und ob ich noch eine Flasche Wein mitbringe.

Ob man das Bordbistro mag, lieber am Bahnhof einkauft oder seine Mahlzeiten vorher plant und einpackt – unterwegs zu essen, fühlt sich für mich immer besonders an. Gemessen an meinem großen Bulgursalat, den zwei Brötchen, der großen Flasche Tee, der Tafel Schokolade und der Packung Kekse für eine Fahrt von knapp acht Stunden zelebriere ich es vielleicht ein bisschen zu sehr. Aber dazu stehe ich, wenn es die Zeit auf den Schienen schöner macht und mich in Zukunft für weitere Bahnstrecken motiviert (ja, nach dem Essen suche ich sogar meine Ziele aus!).

Bahn ProviantBahn Ökostrom

Wenn ich mich gesetzt habe, der Checkin per App und sogar das Wifi funktioniert, freue ich mich eigentlich schon auf das, was kommt, nämlich: alles oder nichts. Ob ich die Zeit produktiv nutzen will oder einfach nur entspanne, kann ich entscheiden. Ich sitze am Anfang meistens einfach am Fenster und schaue mit Musik auf den Ohren zu, wie Felder und Dörfer vorbeirauschen. Das finde ich ziemlich schön. Es ist so viel greifbarer, als zu fliegen, weil man besser sehen kann, dass man sich fortbewegt, und es durch die langsamere Geschwindigkeit auch besser realisiert. In der Bahn komme ich am besten zur Ruhe, wenn ich mich nicht aufs Netz konzentriere, das außerhalb der nächsten Stadt sowieso unwiederbringlich verschwindet, sondern auf meine Gedanken oder ein schönes Hörbuch. Und dann kommen meistens auch ganz von alleine die Inspiration und die Lust, mal wieder zu schreiben…

  • Reply
    Mein Senf für die Welt
    20.09.18 at 16:11

    Sei gegrüßt!

    Ein toller Beitrag!
    Ich selbst bin jetzt seit 3 (? – ich weiß es schon gar nicht mehr sicher) Jahren autolos. Als mein damaliges Auto kaputt ging, habe ich es erst sehr bedauert, aber schon bald gewöhnte ich mich ans Bahnfahren. Heute genieße ich es, nicht immer aufmerksam sein zu müssen unterwegs, sondern Musik zu hören und/oder zu lesen.

    Einziger Wermutstropfen für mich bis heute ist, dass man eben leider nicht ganz so flexibel ist wie mit dem Auto, z.b. bei einer spaßigen Feier doch nicht mal eben noch eine halbe Stunde bleiben kann, weil man dann den letzten Zug verpasst.

    Ansonsten bin ich aber ganz bei dir. Es ist entspannend und einfach so viel besser für die Umwelt!

    Liebe Grüße
    Marina

  • Reply
    Annika
    20.09.18 at 19:29

    Oh I like this! Guter Punkt – schimpfen auf die Bahn zum Hobby, das ist super weil das bedeutet, dass ich jetzt auch endlich ein Hobby habe. Trotzdem außer wenn es um die Nachhaltigkeit stimme ich dir nicht so ganz zu. Vielleicht bin ich die glorreiche Ausnahme aber meine Züge sind immer mehr als ein paar Minuten unpünktlich und die Schaffner wahnsinnig unfreundlich und von den Preisen…naja da braucht man nicht zu sprechen. Ich bevorzuge in Deutschland inzwischen den Flixbus und sonst nehme ich lieber Züge im Ausland – lustigerweise haben sind die – ohne den Anspruch haben zu wollen – meistens pünktlicher und wenn nicht, machen sie das mit unschlagbaren Preisen wieder wett.

    • Reply
      Sabine
      21.09.18 at 10:33

      Ich mag den Flixbus auch sehr gerne und finde eh: Jeder soll sich das aussuchen, was ihm am besten passt, solange es nicht die sinnbildlichen Flüge von Hamburg nach Köln (dass es das wirklich gibt…) sind. <3

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